Freitag, November 23, 2007

Ein fliehendes Pferd (1985)

Im September gelangte die zweite Verfilmung einer mittlerweile schon klassischen Abiturlektüre in deutsche Kinos: Ein fliehendes Pferd. Im Folgenden soll es jedoch nicht um diese aktuelle Adaption gehen, sondern um die 80 Minuten kurze TV-Version von Regisseur Peter Beauvais. Beauvais verfilmte Martin Walsers Novelle bereits Mitte der 80er Jahre. Walser betonte in diversen Interviews, wie sehr ihm die neue Umsetzung gefalle und für wie misslungen er Beauvais' Adaption halte. Ob Walser in Bezug auf die 2007er-Version Recht hat, kann ich (noch) nicht beurteilen. Dass die Erstfassung jedoch nichts taugt, stimmt vollkommen!

Warum? Man hat in jeder Minute das Gefühl, es handele sich um eine fürs Schulfernsehen zügig zusammengezimmerte Inszenierung, die nur darauf wert legt, die Handlung einigermaßen werktreu abzufilmen. Eine eigene Interpretation des Stoffs, eine echte filmische Auseinandersetzung mit der Vorlage findet nicht statt. Beauvais versucht erst gar nicht, Bilder zu finden, die das Innere von Helmut Halm (Vadim Glowna) im Medium Film veranschaulichen.

Helmut und Sabine Halm.

Der introvertierte Oberstudienrat Halm, der mit seiner Gattin Sabine (Rosel Zech) im Urlaub am Bodensee seinen ehemaligen Schulfreund und Kommilitonen Klaus Buch (Joachim Dietmar Mues) mit seiner deutlich jüngeren, attraktiven Frau Helene (Marita Marschall) trifft und durch diese Begegnung gezwungen wird, sich mit seinen Lebensängsten auseinanderzusetzen, wird von Glowna mit zu dick aufgetragener Mimik gespielt. Das widerspricht der Novellenfigur, die stets versucht, ihr wahres Gesicht zu verschleiern. Halm darf dann auch brav seine Gedanken in einem langen Selbstgespräch verbalisieren - ein solches Fernsehtheater macht's dem Regisseur schließlich schön einfach, denn so braucht er erst gar nicht über solch anstrengende Dinge wie Verbildlichungen nachzudenken.

Mögen das "Federn" im Bett: Klaus und Helene Buch.

Halm, aus dessen Perspektive sich die Novelle entfaltet, ist also nur ein blasses Abziehbild der literarischen Figur. Anders verhält es sich hingegen mit Klaus Buch: Der agile aber unter gehörigen Selbstzweifeln leidende Journalist wird von Joachim Dietmar Mues treffend verkörpert (zugegebenermaßen ist dies jedoch auch die für einen Schauspieler einfachere, weil zugänglichere Figur). Ebenso Marita Marschall als Klaus Buchs "Trophäen-Frau" Helene kann überzeugen. Rosel Zech als Sabine sagt hingegen ihre Sätze des Öfteren auf, als stünde sie auf den morschen Bühnenbrettern eines zweitklassigen Theaters. Doch das scheint auf Beauvais' Regieanweisungen zurückzuführen zu sein. Und so wundert es auch nicht, dass der dramatische Höhepunkt, eine Segelpartie von Helmut und Klaus, dermaßen stümperhaft inszeniert ist, dass man den Grund für Klaus' Sturz über Bord kaum mitbekommt. Und damit diese ideenlose Umarbeitung einer großartigen Vorlage auch problemlos in eine Doppelstunde Deutsch passt, kürzt man Helenes Rede am Ende dermaßen zusammen, dass man ihren Ausführungen kaum noch folgen kann und sie deshalb fälschlicherweise für ein geistig verwirrtes Dummerchen halten muss.

Kurzum handelt es sich bei dieser Version von Ein fliehendes Pferd um ein zum großen Teil zwar werktreues aber insgesamt ohne jegliche Kreativität abgefilmtes Schlamassel: Die in der Novelle vielschichtig angelegte Hauptfigur wirkt hölzern, die Kamera ist starr und einfallslos, die Kostüme führen einem die geschmacklichen Verirrungen der 80er Jahre vor Augen und die musikalische Begleitung beschränkt sich auf Klaviergeklimper, wie man es aus Hörspielen der 70er Jahre kennt. Die Neuverfilmung kann eigentlich nur besser sein!

Donnerstag, November 15, 2007

OT: O2 can't do

Alle schimpfen gerne über die Telekom. Ich schimpfe seit Anfang des Monats über O2. Am 1.11. sollte nämlich meine neue O2-DSL-Leitung stehen, doppelt geflattet für Internet und Festnetz. Derzeit sieht es danach aus, als würde mein Anschluss am 28.11. endlich freigeschaltet. Angemeldet habe ich mich bereits am 12.10. Sollte es mit dem 28.11. tatsächlich klappen, hätte das Telekommunikationsunternehmen meiner Wahl schlappe anderthalb Monate benötigt, um mich an die virtuelle Welt anzuschließen. Das erinnert an Wartezeiten, wie sie in der DDR üblich waren. Die strahlend blaue Wasserblasenwelt, die O2 in der Hochglanzwerbung so gerne zur Schau stellt, hat also nichts mit der schnöden Realität zu tun. Doch der Reihe nach...

Man beachte das Sternchen hinterm Slogan!

Es begann damit, dass O2 meinen Auftrag vom 8. Oktober gleich wieder löschte, weil der Versand des zu liefernden DSL-Routers an eine Drittadresse (meine alte Wohnung war aufgelöst, die neue noch nicht bezogen, also sollte das Teil zu meinen Eltern geliefert werden) nicht möglich sei, da das nicht mit dem Postident-Verfahren harmonieren würde. Konsequenz: Ich durfte das langwierige Anmeldeprozedere auf der O2-Homepage vier Tage nach meiner Erstanmeldung ein weiteres Mal durchlaufen. Ironie: Als der Router schließlich an meine neue Adresse geliefert wurde, geschah dies ohne Postident.

Der vierseitige Ausdruck meiner Kundendaten lag dann auch dem Päckchen mit dem Router bei. Doch siehe da: Der Wunschtermin für die Freischaltung hatte sich geändert: Nun wünschte ich angeblich die Freischaltung am 11.11. Doch am 11.11. blieb mein Telefon stumm. Nichts mit Freischaltung.

Am Vormittag des 12.11. versuchte die Telekom mich unangemeldet zu besuchen, um an meiner TAE-Dose rumzufummeln. Ich war natürlich aushäusig. Konsequenz: Das Telefon blieb auch am 12.11. stumm. Ich solle einen neuen Termin mit meinem Telekommunikationsanbieter ausmachen, verriet mir ein Kärtchen, das ich im Briefkasten fand.

"Warten Sie zwei Tage, bevor Sie einen neuen Termin vereinbaren. Manchmal merken die Telekommitarbeiter doch noch, dass sie gar nicht an die TAE-Dose ranmüssen." So klärte mich ein freundlicher O2-Callcenter-Mensch auf. Zwei Tage später war die Leitung selbstverständlich nicht freigeschaltet. Frühestmöglicher Termin für eine erneuten Besuch der Telekommafia: In zwölf Tagen zwischen 8 und 14 Uhr. Die Zeit kann nicht genauer bestimmt werden. Das nenne ich Service!

Weniger tragisch aber ein weiteres Steinchen in diesem Mosaik der Unzulänglichkeiten: Der Willkommensbrief mit meinen neuen Rufnummern und meinem Passwort für den Router kam nie bei mir an und musste ein weiteres Mal verschickt werden. Immerhin kenne ich nun schon meine zukünftigen Telefonnummern.

Doch der Hammer kommt zum Schluss: Ich bin bereits O2-Kunde, besitze einen Loop-Vertrag, darf damit aber nicht die für andere O2-Kunden kostenlose Servicehotline von O2 anrufen, sondern muss die teure 0180-Nummer wählen. Die diversen Telefonate mit O2 haben mich in der Zwischenzeit ca. 15 Euro gekostet. Das heißt im Klartext: Ich darf für die Inkompetenz von O2 und Telekom auch noch kräftig zahlen. 15 Euro dafür, dass das, was eigentlich seit dem 1.11. funktionieren sollte, nicht funktioniert.

Ratschlag an alle, die das lesen: Nicht zu O2 wechseln!

Ich stoße nun täglich Stoßgebete gen Himmel, Ende des Monats möge mein Anschluss tatsächlich stehen. Doch es gilt ja noch die Hürden der O2-Software und der Programmierung des Routers zu nehmen. Bis dahin wird dieser Blog vermutlich still bleiben.

O2 bittet übrigens um Feedback von Neukunden. Ein Evaluationszettel lag dem Willkommensbrief bei - zu faxen an eine 0180-Nummer...

Mittwoch, Oktober 17, 2007

127 Posts später: Einjähriges Bestehen

Wie schnell doch die Zeit vergeht! Heute vor einem Jahr gründete ich diesen Blog. Voller Enthusiasmus wollte ich einen DVD-Vergleich à la DVD Beaver zwischen der deutschen Der Tod kommt zweimal und der damals frisch erschienenen amerikanischen Body Double DVD veröffentlichen. Stundenlang quälte ich mich damit ab, eine Vergleichstabelle zu erstellen. Vergeblich. Zum Jubiläum habe ich diesen ursprünglich technisch recht komplizierten Post noch einmal überarbeitet und vereinfacht: Die Vergleichsbilder sind jetzt nur noch extern abrufbar, weil sie im Blog in der Originalgröße nur verfälscht darstellbar waren.

Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: Durch meinen bevorstehenden Umzug von Berlin nach Niedersachsen habe ich momentan eine Menge um die Ohren. Darunter hat der gute Blog erheblich gelitten, wie die Anzahl der Posts des Monats Oktober verdeutlicht. Da ich im November mein Referendariat antrete, wird es in Zukunft vermutlich seltener zu neuen Posts kommen. Vielleicht werde ich hin und wieder Kurzkritiken im Stile von Rajkos "Kurzschluss"- oder Clerics "Kurz mal abgehakt"-Rubrik veröffentlichen.

Als ich vor einem Jahr anfing, schoss mir die Frage durch den Kopf: Wie lange wirst du diesen Blog wohl betreiben? Heute hoffe ich, dass ich mindestens ein weiteres Jahr die Zeit finden werde, mir hier Abwechslung und geistige Erholung zu verschaffen...

Dienstag, Oktober 16, 2007

Dawkins' Gotteswahn

Nun berichtete auch Kulturzeit über Richard Dawkins' Der Gotteswahn. Der Bestseller hat sich in den vergangenen Wochen in die Top Ten der amazon-Verkaufscharts gearbeitet. Ich hoffe, dass ich demnächst die Zeit finde, das Buch zu lesen...

Sonntag, September 30, 2007

S.O.B.

S.O.B.s witzigster Moment ist leise und kurz: Die unter Drogen gesetzte Hauptdarstellerin (Julie Andrews) wird auf dem Set kurz vor Drehbeginn von zwei Make-up-Leuten bearbeitet und stimmt sich währenddessen auf die bevorstehende Nacktszene ein, indem sie mit sanft-lasziver Stimme singt: There are only five bullets in my old six-shooter cos I had to say goodbye to Mooonaaaa. - Wie aus dieser Beschreibung schon ersichtlich wird, handelt es sich bei S.O.B. um einen Film übers Filmemachen. Eine Materie, das weiß man spätestens seit The Player und Living in Oblivion, der man durchaus Amüsantes abgewinnen kann. Doch leider verpuffen in S.O.B. viele Gags, kämpft der Film grundsätzlich mit seinem Tempo und ist mit 121 Minuten eindeutig zu lang geraten.

Regielegende Blake Edwards (The Pink Panther) drehte S.O.B. im Jahr 1981. Die Besetzung kann einem die Schuhe ausziehen: Da spielen solche Größen wie William Holden, Julie Andrews und Robert Vaughn neben B-Filmgrößen wie Robert Loggia und Rosanna Arquette. Ein TV-Gigant wie Larry Hagman gibt sich in einer Nebenrolle ebenso die Ehre wie Joe Penny, einem Hauptdarsteller der 80er Jahre B-Actionserie "Trio mit vier Fäusten" (aka Riptide). Ein wahrlich seltsames Ensemble also, welches allerdings in seiner Bandbreite wunderbar zum Sujet des Films passt.

S.O.B. erzählt vom Erfolgsproduzenten Felix Farmer (Richard Mulligan), der nach etlichen Kassenhits seinen ersten Flop (ein familientaugliches Musical) abliefert. Schwer depressiv versucht Farmer, sich nun mehrfach vergeblich das Leben zu nehmen. Dann durchfährt ihn ein Geistesblitz: Der Film sei noch zu retten, wenn man ihn in einen Sexfilm umwandeln würde.

Julie Andrews gibt die Hauptdarstellerin und Ehefrau Farmers, einen Hollywood-Superstar, der sich nach dümmlichen Musicaltänzchen auf einmal gezwungen sieht, oben ohne über die Bühne zu hüpfen. Aus dem inneren Konflikt der Aktrice entsteht die oben erwähnte Szene.

S.O.B. will in erster Linie eine Hollywoodsatire sein. Edwards zieht hier sämtliche Facetten des Showbiz durch den Kakao: Eitle Studiobosse mit Doppelmoral, raffgierige Rechtsanwälte, eigensinnige Agenten, penetrante Klatschreporter - S.O.B. bedient jedes Klischee, das man von Hollywood hat, walzt es geradezu aus und zerstört dadurch leider auch viele Gags. Gerade im letzten Akt, als eine Leiche aus einem Bestattungsunternehmen stibitzt werden soll, zieht sich S.O.B. bedenklich in die Länge. Aus heutiger Sicht ist es wohl sicher zu sagen, dass auf dem Film eine Patina liegt, er also nicht gut gealtert ist. Die Komödie wurde aber auch schon zur Zeit ihrer Veröffentlichung ambivalent aufgenommen. So gab es neben einer Golden Globe Nominierung in der Sparte Komödie/Musical auch zwei Razzie-Nominierungen (Drehbuch und Regie). Trotz all dieser Gegensätze erklärt Blake Edwards' Abrechnung mit Hollywood, die ihm augenscheinlich sehr am Herzen lag, was eine große Hollywoodproduktion letztlich immer ist: Standard Operational Bullshit.

Mittwoch, September 26, 2007

Deadwood

Deadwood macht es einem nicht leicht, wenn man Nicht-Muttersprachler ist und gerne Originalversionen guckt. Als ich etwa die Hälfte der ersten Staffel gesehen hatte, war ich deshalb drauf und dran, diese HBO-Westernserie abzusetzen. Doch dann realisierte ich, dass ich bereits einige der Figuren zu sehr ins Herz geschlossen hatte, um getrost auf den Rest verzichten zu können, auch wenn das bedeuten sollte, gewisse Feinheiten nicht mitzubekommen. Ironischerweise verstehe ich problemlos die gebildeten Figuren, die in der Serie auftauchen, und die von den Charakteren ohne Bildung aufgrund ihrer Sprache teilweise nicht verstanden werden. Westernslang und obsoletes Vokabular sorgen für Verständnisprobleme, verleihen Deadwoods oftmals musikalischen Dialogen einen barocken Touch. Während es bei den Sopranos genügt, einige Mafia-Vokabeln zu kennen (die HBO auf der offiziellen Website hilfsbereiterweise sogar auflistet), muss man bei Deadwood mit Shakespeare-Englisch, Westernslang und Kraftausdrücken der Gegenwart gleichermaßen vertraut sein. Hinzu kommt die im Bourbonrausch vernuschelte Aussprache einiger Figuren.

Wen diese einleitenden Zeilen nicht zu sehr abschrecken, dem sei gesagt: Deadwood ist ein Juwel von einer Serie. Die Authentizität, mit der das kleine Goldgräberkaff Deadwood gezeichnet wird, trifft den Zuschauer mit einer solchen Wucht, dass mir in diesem Zusammenhang das Wort "Realitätsschock" am angemessensten scheint. So abgewanzt, dreckig, modderig, schleimig, brutal und aufgrund dessen faszinierend ist der Wilde Westen noch nie gewesen. Ähnlich wie in Rome geht mit diesem hohen Wirklichkeitsanspruch ein zeitgemäßer Umgang mit der Materie einher. Das schlägt sich zum einen in der Verwendung übelster Schimpftiraden sowie einer nie dagewesenen Frauenfeindlichkeit und einem unverhohlenem Rassismus nieder, wie sie wohl nur im Bezahlfernsehen möglich sind. Zum anderen ist die Figuren- und Handlungsstruktur dermaßen komplex, wie man sie nur in Serien der Gegenwart oder in seitenreichen Romanen des Realismus finden wird. Das Kino ist nicht in der Lage, mit einer vergleichbaren Figurenanzahl in solch epischer Breite zu erzählen.

Doch worum geht es in Deadwood eigentlich? Deadwood setzt im Jahr 1876 ein. Der Ort Deadwood hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht den offiziellen Status einer Stadt, sondern ist ein Camp voller Abenteurer und Goldsucher, die vom Gerücht abgelockt werden, in den nahegelegenen Black Hills befänden sich Goldvorkommen. Zentraler Anlaufpunkt ist der Saloon des zwielichtigen Unternehmers und Zuhälters Al Swearengen (Ian McShane), der gewissermaßen als Chef des Lagers fungiert und seine Macht durch hilfreiche Muskelmänner auszuüben versteht. Der Ex-Sheriff Seth Bullock (Timothy Olyphant) möchte mit seinem Partner Sol Star (John Hawkes) einen Haushaltswarenladen eröffnen und gerät aus verschiedenen Gründen wiederholt mit Swearengen aneinander. Und die reiche Alma Garret (Molly Parker) ist plötzlich auf sich alleine gestellt, als Swearengen aus Profitgier den Mord an ihrem Ehemann veranlasst. Weiter möchte ich die komplexen Handlungsstränge nicht auseinanderklamüsern, nur noch darauf hinweisen, dass sowohl der Ort als auch einige der Charaktere historisch fundiert sind. Politik, Korruption, Liebe, Krankheit, Mord und Tod sind die Themen, um die die drei Staffeln kreisen.

Schauspielerisch befindet sich Deadwood wie alle HBO-Serien auf höchstem Niveau. Die Offenbarung für mich ist allerdings Ian McShane, der die ambivalente Figur des Al Swearengen mit einem solchen Nuancenreichtum spielt, der seine Mecker- und Schimpftiraden mit einer derartigen Leidenschaft ausspuckt, dass einem der Atem wegbleibt. Warum McShane 2005 lediglich eine Emmy-Nominierung erhalten hat, ist mir ein Rätsel.

Eine besondere Stellung im Camp nimmt der Doktor ein, der von Brad Dourif sehr liebenswert gespielt wird. Dourif übernimmt die leicht geduckte Körperhaltung von Wormtongue für Doc Cochran, ist aufgrund seines Jobs, der ihn zu allen Leuten des Ortes führt, gewissermaßen die einzig neutrale Person des Lagers. Da der Tod permanent wie eine Dunstglocke über Deadwood zu schweben scheint und Siechtum in etlichen Varianten durchgespielt wird (möglicherweise das heimliche Hauptthema der Serie), hat der einzige Arzt des Dorfes stets alle Hände voll zu tun. In der ersten Staffel hat der Doc beispielsweise mit dem Ausbruch der Pocken zu kämpfen.

Die offene Political Incorrectness hat Deadwood einige Kritik eingebracht. Dabei wird verkannt, dass die historisch durchaus korrekte Darstellung von Rassismus und Misogynie für den heutigen Zuschauer die Quelle eines einzigartigen Humors ist, der die Menschenverachtung und Stumpfsinnigkeit einer derartigen Weltanschauung plastisch vorführt. Die Dynamik zwischen den WASPs auf der einen Seite und den chinks, cocksuckers, niggas und cunts auf der anderen führt nur selten zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen den Figuren, jedoch regelmäßig zu schreiend komischen Dialogen. Dieser Link zu youtube zeigt ein typisches Zwiegespräch zwischen Al Swearengen und dem chinesischen Schweinezüchter (und des Englischen unkundigen) Woo, dessen Getier regelmäßig Deadwoods Leichen zu fressen bekommt und der sich hier über den Diebstahl seines Rauschgiftes durch weiße Banditen beschwert.

Zwei gesellschaftliche Außenseiter: 'Lil' Nigga General' und Calamity Jane

Abschließend bleibt mir nur noch darauf hinzuweisen, dass sich Deadwood zu Whisky verhält wie Sideways zu Wein: Man kommt als Whiskyfan regelmäßig in Versuchung, beim Zuschauen mitzutrinken. Hier wird so viel Bourbon verkonsumiert wie in kaum einem anderen Western. Allerdings zeigt Deadwood im Gegensatz zu Sideways auch die Schattenseiten des Saufens auf. Am deutlichsten wird dies durch die Rolle der Calamity Jane (Robin Weigert) zum Ausdruck gebracht, die in kaum einer Szene nüchtern ist.

Ob es eine vierte Staffel geben wird, steht wohl in den Sternen. Ich konnte im Internet kein offizielles Statement zu Einstellung beziehungsweise Fortsetzung der Serie finden.

Freitag, September 21, 2007

Gedrucktes: No Country for Old Men


Ende November startet in den USA der neue Film der Gebrüder Coen: No Country for Old Men. Der Film basiert auf dem 2005 veröffentlichten, gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy. McCarthy ist seit Mitte der 60er Jahre als Autor tätig, bekannt wurde er jedoch erst in den 90er Jahren durch seine Border-Trilogie. Teil eins der Trilogie, All the Pretty Horses, erhielt etliche Literaturpreise und war wochenlang in Bestsellerlisten vertreten. Im Jahr 2000 adaptierte Billy Bob Thornton den Roman für die Leinwand.

Die Coens versuchen sich nun also an McCarthys recht jungem, gut 300 Seiten langem Prosawerk, das wie die Border-Trilogie die Handlung an der texanisch-mexikanischen Grenze ansiedelt. In No Country for Old Men verzahnt McCarthy die Perspektive dreier Figuren miteinander: Die eines Jägers, eines Gejagten und eines Fährtenlesers.

Der Vietnam-Veteran Llewellyn Moss stößt während der Antilopen-Jagd auf einige Pickup-Trucks voller Leichen und Heroin. Unweit davon entfernt liegt ein weiterer Toter mit einem Koffer voll Geld, den Moss an sich nimmt und flüchtet. Nun wird der Freizeitjäger und Ex-Soldat selbst zum Gejagten. Dabei ist es jedoch nicht die wie gelähmt erscheinende Polizei, vor der er sich fürchten muss, sondern es sind die Auftragskiller der zwei Parteien, deren Drogendeal schief gelaufen ist. Insbesondere der psychopathische Killer Chigurh, der seinen Opfern vorzugsweise mit einem Luftdruck-Schlachtinstrument das Hirn aus dem Schädel bläst, wird zur ernsthaften Bedrohung für Moss. Der alte Sheriff des zuständigen Südstaatenkaffs, Ed Tom Bell, dessen Reflexionen über sein Leben und die dramatischen Veränderungen der Welt jedes Kapitel melancholisch einleiten und dem Roman die Aura eines Abgesangs auf ein Südstaatenidyll verleihen, fungiert hier als Fährtenleser, der dem blutigen Pfad, den die Gangster quer durch die grenznahen Kleinstädte schlagen, nur folgen, ihm aber nicht Einhalt gebieten kann.

Die Verquickung der Perspektiven macht den Roman hochinteressant. Sie führt dem Leser auf beeindruckende Weise vor, wie sehr sich die Rollen ähneln, in denen sich die Figuren bewegen. McCarthy beschreibt nicht nur Suche und Flucht in schnörkellosen Sätzen, sondern auch den Stillstand und das quälende Warten. Immer wieder liegen die Figuren regungslos auf ihren Motelbetten, den Blick starr an die Decke gerichtet. - Es geht um die alte Frage, ob man sein Schicksal selbst verändern kann oder ob es eine lenkende Hand gibt, die unser Tun steuert. Moss durchfährt ein starkes Gefühl der Angst, kurz bevor er den Geldkoffer an sich nimmt. Er weiß um die möglichen Konsequenzen. Er tut es trotzdem. Den Sheriff quält ein Kriegserlebnis, das über dreißig Jahre zurückliegt, und für das er zu Unrecht einen Orden erhalten hat. Und der eiskalte Killer Chigurh ist ein Determinist reinsten Wassers. So erklärt er einem seiner Opfer: “When I came into your life your life was over. It had a beginning, a middle, and an end. This is the end. You can say that things could have turned out differently. That they could have been some other way. But what does that mean? They are not some other way. They are this way.”

No Country for Old Men ist über weite Strecken ein äußerst effektiv gestrickter Thriller. Man ist kaum in der Lage, das Buch auf den ersten 200 Seiten aus der Hand zu legen. Für mich eindeutig das Spannendste, was ich dieses Jahr bislang gelesen habe. Doch dann - so um die Seite 250 - endet die Thriller-Handlung sehr abrupt. Es folgen weitere Meditationen des Sheriffs, ein langes Gespräch zwischen ihm und seinem Onkel, Gedanken über den verstorbenen Vater. McCarthy möchte hier die philosophische Ebene vertiefen, die er durch die kapiteleinleitenden Gedankenströme bereits eingeführt hat. Leider funktioniert das nicht wie intendiert. Denn Sheriff Bell ist eine dröge, langweilige Figur, die aufgrund ihrer Unfähigkeit, die Geschehnisse um den Geldkoffer gezielt zu beeinflussen, in ihrer stetigen Grübelei prätentiös erscheint. McCarthy taumelt also nach einem fulminanten Start und einem nervenaufreibenden Mittelteil ins späte Finish.

Die Sprache aber macht den Roman trotz alledem sehr lesenswert. Zwar erzwingt McCarthy vom Leser permanente Aufmerksamkeit, indem er auf gängige Interpunktion verzichtet und auch Grammatik und Rechtschreibung in die Funktion des Lokalkolorits stellt. Das hat aber Dialoge zur Folge, die, selbst wenn man still liest, den Singsang des texanischen Slangs im Kopf zum Klingen bringen.

No Country for Old Men ist wie geschaffen für die Coens! Darf man dem Trailer trauen, hält sich die Verfilmung sehr an die Vorlage. Der Stoff wird sich großartig in das Coensche Filmuniversum einreihen. Denn wie die meisten ihrer Filme spielt No Country for Old Men nicht in der Gegenwart. Im Jahr 1980 nimmt die Handlung ihren Lauf. Es wird wohl der mit Abstand blutigste, ja vielleicht sogar erste wirklich gorige, Coenfilm. Und er wird einen literarischen Bezug haben, wie er bislang in fast jedem ihrer Filme zu finden war.

Dienstag, September 18, 2007

OT: Das Gottesvirus

Ein überaus lesens- und nachdenkenswerter Artikel befindet sich im heutigen Tagesspiegel: Das Gottesvirus. Bas Kast stellt das neue Buch vom bekannten Evolutionsbiologen Richard Dawkins vor. Titel: Der Gotteswahn. Dawkins vertritt in dieser Streitschrift die These, ein an Gott glaubender Mensch leide unter einer Art Psychose, von der er dringend geheilt werden müsse. In den USA längst ein Bestseller, befindet sich die gerade auf Deutsch erschienene Ausgabe derzeit immerhin schon auf Platz 16 in der amazon-Rangliste.

„Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“ Mit diesen versöhnlichen Worten beginnt Richard Dawkins das zweite Kapitel seines soeben auf Deutsch erschienenen Buchs „Der Gotteswahn“ (Ullstein, 576 Seiten, 22,90 Euro). Die Passage gehört zu den Lieblingsstellen des Autors. Oft fängt er seine Lesungen mit diesen Sätzen an, um, wie er sagt, „bei einem neuen Publikum das Eis zu brechen“.

Montag, September 17, 2007

HDNET wirbt für 'Redacted'

"Coming Fall 2007" heißt es im gestern bei youtube veröffentlichten Ad für De Palmas Irakfilm. Wenn sich bewahrheiten sollte, was ursprünglich angekündigt worden ist, dann erscheint in diesem Herbst zeitgleich mit dem US-Kinostartttermin auch die Redacted-DVD. Ich hege allerdings Zweifel daran, dass HDNET nach dem großen Erfolg bei den Filmfestspielen in Venedig an dieser Marketing-Strategie festhalten wird. Da Redacted in den USA für hitzige Debatten sorgt, wird man wohl versuchen, zunächst über ein Kino-Release die Kassen zum Klingeln zu bringen.