Samstag, März 17, 2007

DVD: Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders


Neben The Black Dahlia und Clerks II gehörte Das Parfum zu den Filmen, deren Starttermin ich vergangenes Jahr kaum abwarten konnte. Als Fan der Romanvorlage fiel es mir schwer, Tykwers Adaption nicht voreingenommen gegenüberzustehen. Es ist eine große Herausforderung, die Vorlage so weit es geht auszublenden und den Film davon losgelöst zu betrachten. Der zwanghafte Werkvergleich führt meines Erachtens in die Irre. Dass dies nicht immer möglich ist, zeigt sich aber schon bei der Sprachauswahl des Films: Schaut man ihn sich im englischen Original an, um die Mehrheit der Darsteller in ihrer Muttersprache zu hören oder entscheidet man sich für die deutsche Fassung, um Patrick Süskinds elegante Prosa zu genießen? Eine der Vorzüge der DVD besteht darin, diese zwei Fassungen nun direkt miteinander vergleichen zu können.

Die Geschichte des Jean-Baptiste Grenouille (Ben Wishaw), dem Zeck und Mörder, dem Einsiedler und Monster, bringt Tykwer mit opulenten Bildern auf die Leinwand. Er bettet das Leben Grenouilles in eine lange Rückblende ein und lässt Otto Sander (John Hurt in der OV) als Erzähler Süskinds altertümlich anmutende Sprache rezitieren. So imitiert Tykwer in gewisser Weise die biographische Haltung des Romans. Die stilisierte Prosa, die zwischen Hoch- und Umgangsprache schwankt, ersetzt er durch Bildgewalt und Detailreichtum im Szenenbild. Mit der Unzulänglichkeit der Sprache, Gerüche nicht erfahrbar machen zu können, muss auch das Medium Film umgehen. Schnelle Montagen bestialisch stinkender Elemente des Pariser Fischmarkts, auf dem unser Held im Juli 1738 geboren wird, sollen dem Zuschauer beispielsweise den olfaktorischen Ekel einjagen.

Der Waise Grenouille arbeitet zunächst als Gerbergehilfe, setzt dann aber alles daran, beim Parfumeur Giuseppe Baldini (Dustin Hoffman) eine Ausbildung anzutreten. Grenouille ist ein Geruchsgenie, schwelgt in der Duftwelt, hat aber keinen Eigengeruch. Sein Ziel kristallisiert sich heraus, als er den zauberhaften Duft eines Mädchens erschnuppert: Er will den absoluten Duft schaffen. Die Kenntnisse dafür erlangt er schließlich in Grasse, dem Zentrum von Herstellung und Handel mit Duftstoffen aller Art. Die Zutaten für den Duft: 12 außergewöhnlich schöne Jungfrauen. Sein Gegenspieler: Antoine Richis (Alan Rickman), der seine bildschöne Tochter Laura (Rachel Hurd-Wood) vor dem teuflischen Serienmörder schützen möchte.

Der junge Hamlet und der alternde Geliebte der Mrs Robinson: Ben Wishaw und Dustin Hoffman am Set.

So wie Grenouille mehrere wunderbare Einzelteile zur Erstellung des Duftes benötigt, so ist es Tykwers Ansatz, die verschiedenen filmischen Elemente besonders graziös zu gestalten. Dies gelingt ihm auch zweifellos in Ausstattung, Maske und Kameraführung. Die Verdichtung des Romanplots ergibt darüber hinaus Sinn. Und die Musik, die zwar an mancher Stelle ein bisschen süßlich anmutet, ist im Großen und Ganzen gelungen. Jedoch fehlt Tykwers Gesamtkomposition eine Zutat: Mut. Jede Szene ist tadellos inszeniert, aber Tykwer traut sich bedauerlicherweise nicht, auch den Schritt zu gehen, der vom Geschehen massiv gefordert wird: Es mangelt an Schmuddeligem, Dreckigem, Schmierigem, Schmutzigem, kurz: Exploitationhaften in der Inszenierung. Die Handlung verlangt nach dieser Ingredienz, Tykwer verweigert sie uns und lässt auch noch den finstersten Hinterhof malerisch aussehen.

Der Gerber Grimal: Auszeichnungswürdige Maske.

Besonders deutlich wird dies in der finalen Orgienszene. Zwar bringt Tykwer die politischen Untertöne deutlich zum Klingen. Die Verführbarkeit der Menschen, der Massenwahn wird aber zu geschmackvoll und zahm dargestellt. Die wilde Ekstase, das Verbotene und zugleich Verlockende der sexuellen Ausschweifungen hat durch die hochstilisierte, genau choreographierte Inszenierung etwas peinlich Prüdes. Das gesellschaftlich Anrüchige hätte auch filmisch anrüchig sein müssen, stattdessen wird es in Hochglanzbildern gefeiert.

Insgesamt ist Das Parfum der wahrscheinlich ambitionierteste deutsche Film vergangener Jahre. Durch die Bank gute Schauspieler, brillante Setdesigns mit einer beeindruckend detailreichen Ausstattung, erstklassige Maske, super Kameraarbeit und eine einzigartige Geschichte. Der Mangel an Mut in Form von rauhen Ecken, nach der die Geschichte eigentlich verlangt, schmälert das Endergebnis allerdings. Ein Meisterwerk ist Tykwer deshalb nicht gelungen, sondern "nur" ein großes Filmerlebnis.


Zur DVD

Highlight / Constantin Film vertreibt Das Parfum als Einzel-DVD und Premium Edition, wobei die Film-DVD der beiden Ausgaben identisch ist.

Die Premium Edition besteht aus einem Pappschuber mit ausklappbarem DVD-Behältnis. Ein Booklet "Das Buch der Düfte" enthält kurze Infos zu Hauptdarstellern, Regisseur und Produzent.

Als ich DVD 1 in meinen Laptop schob, machte ich die interessante Entdeckung, dass ein übler Kopierschutz das Abspielen verhindert. Ich komme zwar ins Menü und kann den Film starten, aber das Bild sieht dann so aus.

Dieser hartnäckige Kopierschutz befindet sich allerdings nur auf der ersten Scheibe, die Bonus-DVD spielt mein Rechner einwandfrei ab.

Mein Standalone-Player frisst die Hauptfilm-Scheibe anstandslos aber bombardiert einen direkt nach dem Einschieben mit einem Anti-Piraterie-Trailer, den mir der Laptop seltsamerweise vorenthält. Ist es nicht schön, dass einem die diversen DVD-Vertriebe oft als Erstes überlaut mit solchen Werbekampagnen ins Gewissen reden? Da hat man gerade einige Euro für ihr Produkt hingeblättert und wird zum Dank als potentieller Copyrightverletzer beschimpft. Da freut man sich doch!

Das Menü auf DVD 1 ist animiert und dezent gestaltet. Keinerlei Spielereien lenken von der Auswahl ab.

Das anamorphe 2.35:1 Bild ist so, wie man es sich wünscht. Plastisch und texturreich kommen Frank Griebes sorgfältig fürs Breitwandformat arrangierten Bilder voll zur Geltung. Das Schwarz hat eine fantastische Tiefe, die insbesondere bei den expressionistischen Licht- und Schattenspielen voll zum Ausdruck kommt. Den entsättigten, monochromen Farben der überwiegend stinkenden Kindheits- und Jugendzeit Grenouilles stehen farbenfrohe, fast ins Kitschige gehende Farbpaletten in Grasse gegenüber, die auf der DVD kontrastreich glänzen.

Der Layerswitch wurde leider ungeschickt platziert. Er befindet sich bei 1:15:29, wurde nicht in einer Blende oder einem ruhenden Bild ohne Ton versteckt, sondern stört inmitten einer Szene mit Musik. DVD-Player mit wenig Zwischenspeicher haben hier einen auffälligen, etwa einsekündigen Aussetzer.

Beim Ton stellt sich im Fall des Parfums nicht nur die Frage nach der Qualität. Interessant ist auch, welche Sprachfassung die bessere ist. Nachdem ich beide gehört habe, tendiere ich zur deutschen. Der Grund liegt in der uneinheitlichen, vom Inhalt ablenkenden Dialektmischung sowie deutlich erkennbaren nachsynchronisierten Darstellern, wie z. B. Corinna Harfouch. Keine Frage: Die Szenen zwischen Alan Rickman und Rachel Hurd-Wood sind ein Ohrenschmaus für Freunde britischen Englischs, aber wenn Dustin Hoffman mit seinem Hollywoodenglisch auf den britischen Unterklassedialekt von Ben Wishaw stößt, dann wirkt dies im Paris des 18. Jahrhundert desillusionierend. Die deutsche Fassung ist einheitlich nachsynchronisiert, wirkt sprachlich wie aus einem Guss, und ist deshalb der englischen vorzuziehen.

Der deutsche und englische DD 5.1 Ton ist makellos. Gespräche schallen in beiden Fassungen sauber aus den Frontboxen. Die Musik umschließt den Hörer in einem gleichmäßig abgemischten Klangraum. Die Choräle bezirzen einen von allen Seiten, umlullen den Zuschauer geradezu. Im Kino gefiel mir der Ton in der Kirchenszene besonders gut. Der satirische Blick auf die Geistlichkeit beim Akte der Exkommunikation gewinnt durch ein langsam lauter werdendes Orgelspiel wundervoll an Kraft. Am Ende drückt einen der mächtige Schall der Kirchenorgel tief in den Sessel. Zwar wirkt das im Heimkino bei weitem nicht so stark, aber der eindrucksvolle Effekt funktioniert auch hier. Lediglich ein Mangel an weiteren Surroundeffekten lässt sich kritisieren, denn außer der Musik tönt wenig Umgebungsgeräusch aus den Rearboxen. Da hätte man gerade in den Massenszenen in der Pariser Innenstadt deutlich mehr herausholen können.

Es befindet sich außerdem eine deutsche DTS-Tonspur auf der Scheibe, die ich jedoch nicht getestet habe.

Zu den Kommentarspuren:

1. Regie: Tom Tykwer gelingt auf seiner Spur eine sympathische Mischung aus Berichten über die Dreharbeiten und seiner Sicht auf den Film-Stoff. Die meiste Zeit interpretiert er die Handlung, erklärt, warum er diese und jene Entscheidung getroffen hat, welche Probleme beim Drehen auftraten usw. Insgesamt ein informativer Track, der sich lohnt.

2. Szenenbild: Uli Hanisch und Kai Karla Koch berichten vor allem von den Locations, an denen gedreht wurde. Welche Ecke in Barcelona und Umgebung gerade im Bild ist, oder dass die Lavendelfelder bei den Dreharbeiten wegen schlechten Wetters noch nicht in voller Blüte standen. Ein witziges Detail: Um die Drehorte der Barceloner (im Film: Pariser) Innenstadt authentisch wirken zu lassen, karrte die sog. "Dirtcrew" täglich zentnerweise vorgefertigten Dreck an, der am Set mit Wasser vermischt und über Straßen und Hauswände verteilt wurde.

3. Kameramann Frank Griebe und Cutter Alexander Berner: Die zwei widmen sich logischerweise in erster Linie der Visualisierung des Films. Aber auch die Arbeit mit den Schauspielern kommt zur Sprache. Da Dustin Hoffmann ein wahnsinnig variationsreicher Darsteller ist, hieß die Anweisung in seinen Szenen stets "Metern, Metern", um so viel Filmmaterial wie möglich in den Schneideraum zu schicken. Bei den erwähnten Licht- und Schattenspielen galt für Griebe oftmals das Credo: "Wir vertrauen auf Kodak". Eine streckenweise lehrreiche Kommentarspur.

Die Bonus-DVD

DVD 2 (ebenfalls eine DVD-9) enthält knapp zweieinhalb Stunden Bonusmaterial.

Den größten Teil davon nimmt das 54-minütige Making Of in Anspruch, das alle großen Bereiche der Produktion abdeckt. Das beginnt mit den Schwierigkeiten, Süskind die Romanrechte abzukaufen, geht über Besetzung, historische Recherchen, Dreharbeiten an den verschiedenen Locations und endet mit der Arbeit der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle sowie der spanischen Tanzcrew, mit der die komplizierte Massenorgie einstudiert wurde.

Die spanische Tanzcrew bei den Proben zur Massenorgie.

38 Minuten an Interviews mit den wichtigsten Darstellern, Regisseur und Produzent befinden sich ebenfalls auf der Disc. Im Gegensatz zum Making Of, das auch in die Tiefe der Produktion vordringt, bleiben die Interviewhappen inhaltlich recht belanglos und sind nach dem Making Of größtenteils redundant.

11 Minuten zeigen Tykwer, Griebe und Hanisch auf Motivsuche in Kroatien und rund um Barcelona. Der gewaltige Aufwand bei der Vorbereitung der extrem hohen Locationanzahl wird einem in dieser Kurzdoku vorgeführt.

Eine 13-minütige Featurette widmet sich der Visualisierung der Düfte, erläutert das Zusammenspiel von Kamera, Musik und Schnitt.

Weitere 12 Minuten erklärt uns Frank Griebe die Kameraarbeit. Welche wichtige Rolle Detailaufnahmen gespielt haben, mit welchen Mitteln beleuchtet wurde und warum in Barry Lyndon die Kerzen nicht flackern.

In einer weiteren 10 Minuten dauernden Kurzdoku verfolgen wir den Prozess der deutschen Synchronisation.

Eine nur 3-minütige Featurette zeigt die Mischung des Originaltons. Trotz der Kürze des Beitrags wird hier auf technische Details eingegangen. Welche Maschine zum Abmischen verwendet worden ist, wie viele Spuren zusammengemischt wurden usw.

Die Düfte des 'Parfum' - Die Geschichte eines Coffrets hat eine Länge von 10 Minuten und ist die teilweise nicht ganz ernst gemeinte Vorstellung einer Duftkollektion, die im Zuge des Film-Releases entwickelt worden ist. Ein reiner Werbefilm also.

Außerdem befinden sich noch eine ganze Reihe Trailer auf der Scheibe.

Lohnenswert ist in jedem Fall das Making Of. Die anderen Featurettes sind z. T. redundant, wenn man diese Doku gesehen hat. Da auf den Kommentarspuren von diversen Deleted Scenes die Rede ist, finde ich es bedauerlich, dass es diese nicht auf die Bonus-Disc geschafft haben. Im Making Of sind einige kurze Ausschnitte entfallener Szenen und Outtakes zu bewundern. Mir wären Deleted Scenes lieber gewesen als die recht oberflächlichen Interviews und der schlecht gemachte Werbefilm zur 'Parfum'-Duftkollektion.

Fazit: Ein großer Kinofilm in einer üppig ausgestatteten Premium-Edition. Im Bild- und Tonbereich gibt es nichts zu beanstanden, lediglich bei den Bonus-Features hätte man insgesamt mehr auf Qualität denn auf Quantität achten sollen.

1 Kommentar:

michel hat gesagt…

so muss kino sein. wirklich gelungener film. tolle schauspieler, tolle bildästethik und ein klasse handlungsverlauf bis zum ende. ich fand gerade die orgie und den tod beeindruckend. auch wenn viele behaupten, dass keine hardcoreszenen dabei waren wie es eigentlich im buch beschrieben wird: das macht den film beleibe nicht schlechter.
hier noch eine kritik zu dem film:
http://www.resurrection-dead.de/dailydead/das_parfum