Samstag, März 25, 2017

Fernsehtipp: Brian De Palma bei arte


Ein Hoch auf arte!

Nachdem arte bereits letzten Sonntag Blow Out - Der Tod löscht alle Spuren ausstrahlte, legt der deutsch-französische Kultursender morgen Abend nach: mit einem Brian-De-Palma-Doppelpack. 

Zur besten Sendezeit, um 20:15 Uhr, tritt Obsession (Schwarzer Engel) unter anderem gegen einen Kölner Tatort an und wird bezüglich der Einschaltquote zweifellos den Kürzeren ziehen. Der Clou des Abends ist dann aber die anschließende, aktuelle Baumbach/Paltrow-Doku, deren deutscher Titel auch den Vornamen des Regisseurs enthält, also Brian De Palma. Sendezeit: 21:50 Uhr - auch als Livestream. Er bleibt sieben Tage in der Mediathek arte +7 abrufbar.

Dass De Palma irgendwann seinen Weg ins Kulturfernsehen schaffen würde, war klar. Dass arte den Film aber noch vor Ostern zeigen würde, damit war kaum zu rechnen. Schließlich erschien die Blu-ray erst vor kurzem in den USA.

Einziger Wermutstropfen der deutschen Fassung dürfte die nicht abschaltbare Synchronisation sein. Jedenfalls legt der Trailer den Verdacht nahe, dass auf eine Untertitelung verzichtet wurde. Die Filmausschnitte der De-Palma-Filme sind allerdings in der Originalfassung und untertitelt zu sehen, wie folgender Clip deutlich werden lässt.

Nachtrag: Der Themenabend hat arte dazu veranlasst, das filmische Werk De Palmas in einem sechsminütigen Clip grob zusammenzufassen:

Freitag, Februar 24, 2017

Short Cuts #23

Kurz vor der Oscarverleihung habe ich den Gewinner des vergangenen Jahres endlich gesehen: Spotlight. Ein Film über investigative Reporter, die systematischen Missbrauch in der katholischen Kirche von Boston aufdecken. Basieren tut das natürlich auf einer wahren Begebenheit - nicht schwer verwunderlich nach all den Enthüllungen der letzten Jahre. Trotz seiner Laufzeit von über zwei Stunden wird der ausschließllich von Dialogen getriebene Film fast nie langatmig. Erinnerungen an All the President's Men und The Insider werden wach. Ein guter Film.

Tod den Hippies!! Es lebe der Punk! habe ich vor knapp zwei Jahren bereits im Kino gesehen und mich köstlich amüsiert. Jetzt lief er auf arte. Und auch die Zweitsichtung hat mir wieder Lachtränen die Wangen runterkullern lassen. Ein schöner Kontrast zum anderen Tom-Schilling-Berlin-Film Oh Boy: Spielt Schilling in letzterem einen orientierungslosen Mittzwanziger, der sich nicht im Einklang mit dem Berlin der 2010er befindet, gibt er in Tod den Hippies einen Kleinstadt-Wessi, den es zur Selbstverwirklichung ins wilde Westberlin der 80er treibt. Überhaupt wäre es sicherlich lohnenswert, einmal ausführlicher über die unterschiedlichen  Inszenierungen dieser zwei Berlin-Filme nachzudenken. Während sich Jan Ole Gerster nahezu dokumentarisch der Stadt und seinen Bewohnern nähert, scheint Oskar Roehler gerade an der Verfremdung Freude zu haben - Tod den Hippies feiert die Verzerrung, stellt die Vergangenheit bewusst stilisiert dar. Beide Ansätze funktionieren, aber Tod den Hippies ist eindeutig sleaziger und deshalb auch bedeutend komischer. 

Sneaky Pete heißt eine neue Serie auf amazon Prime, die sich gut runtergucken lässt, aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Die Geschichte um einen Trickbetrüger, der sich in eine Familie einschleicht, um sich dem Zugriff von Gangstern zu entziehen, wird zügig erzählt, besticht durch überzeugende Darsteller, bekommt gegen Ende seine unzähligen Wendungen aber nicht wirklich unter Kontrolle und hat im Grunde auch nichts Interessantes zu erzählen. Alle Figuren treibt eigentlich nur eines an: Geld. Und alle Figuren versuchen, die anderen übers Ohr zu hauen, was letztlich dazu führt, dass beim Zuschauer keine echten Sympathien aufkommen. Serielle Durchschnittsware also.

Samstag, Januar 21, 2017

Gedrucktes: The Godfather Notebook

Francis Ford Coppola macht dieser Tage vor allem kulinarische Schlagzeilen: Der 77-jährige schloss unlängst einen exklusiven Catering-Vertrag mit der amerikanischen Filmakademie ab. Der passionierte Winzer darf bei den kommenden drei Oscarverleihungen als Sponsor auftreten und die Stars mit den Traubensäften seines Weingutes abfüllen. Sogar für das derzeit stattfindende Sundance-Festival liefert Coppola den Wein. 

Seine Liebe zu gutem Essen und Trinken lässt sich auch in seinen Filmen entdecken. Im ersten Godfather-Film gibt es beispielsweise eine Szene, in der Michael Corleone erklärt wird, wie er anständige Fleischbällchen zubereitet - nämlich mit einem ordentlichen Schuss Rotwein! Ein Moment, der so nicht in Mario Puzos Romanvorlage zu finden ist. 

Puzos Bestseller ist Ende letzten Jahres in einer für Film- und Godfatherfans wahnsinnig interessanten Fassung erschienen: in der Arbeitsausgabe Francis Ford Coppolas, der dieses Buch The Godfather Notebook taufte. 

In einer Doku, die auf einigen BD/DVD-Ausgaben des Godfather zu finden ist, hatte Coppola sein Godfather Notebook bereits vorgestellt und erklärt. Dass es jedoch jemals als eigenständiges Werk verlegt werden wird, damit hatten wohl nicht einmal die treusten Godfather-Fans gerechnet. Umso größer war dann die Freude - die Limited Edition von 500 Exemplaren mit aufwendiger Ringbuchbindung und Autogramm des Regisseurs war trotz des beachtlichen Preises von 500 Dollar innerhalb kürzester Zeit vergriffen (eine zweite Limited Edition ist offenbar in Planung). 

Je mehr der Vorlagentext von Kommentaren umzingelt ist, desto wichtiger ist die Szene. Hier: Michael tötet Sollozo.

Für etwa ein Zehntel des Preises kann man den Bildband nun aber auch in normal gebundener Form oder als Taschenbuchausgabe erwerben. Und es ist ein großer Spaß, durch die Seiten dieses 2-Kilo-Schinkens zu blättern und die Randnotizen Coppolas zu studieren. Doch wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Buch? 

Coppola erläutert dies in einem einleitenden Essay. Nachdem er wusste, er würde The Godfather verfilmen, las er Puzos Roman ein zweites Mal und wandte anschließend eine Technik an, die er als Student gelernt hatte: Er erstellte ein 'prompt book', eine Art Regiebuch. Hierfür zerlegte er eine neue Ausgabe des Romans und klebte die einzelnen Seiten auf 8,5'' x 11''-Blätter, die er zuvor mittig so ausgeschnitten hatte, dass die Romanseiten in die Blätter einklebbar waren, man Vorder- und Rückseite des Romantextes nach dem Einkleben lesen konnte. Jetzt war es möglich, Notizen zum Roman an den breiten Rand zu schreiben. Genau das tat Coppola, nachdem er die Blattsammlung in einen gewaltigen Ringbuchordner geheftet und den Roman ein wenig umstrukturiert hatte.

Er gliederte Puzos Text in fünf Akte und diese wiederum in 50 Abschnitte, er änderte an manchen Stellen die Chronologie und schmiss Episoden aus dem Buch, von denen er wusste, er werde sie aus verschiedenen Gründen nicht realisieren. Jeden der 50 Abschnitte leitete er mit Vorüberlegungen ein, die er erneut in fünf Teile gliederte: 1. Inhalt 2. Die Zeitepoche 3. Bilder und Atmosphäre 4. Der Kern 5. Fallgruben. 


Coppolas Vorüberlegungen zur Attentatsszene auf Don Corleone.

Nun las er den gesamten Roman ein drittes Mal sehr genau und versah Puzos Text mit Kommentaren, unterstrich und umrahmte wichtige Passagen in verschiedenen Farben, um über Dramatisierung und Akzentuierungen Klarheit zu gewinnen. 

Abschließend verfasste er eine elfseitige Liste mit Kurzcharakterisierungen aller Figuren, die er dem kommentierten Romantext voranstellte. 

Erst jetzt schrieb Coppola auf der Grundlage des Notebooks das Drehbuch, was nach all der Vorarbeit relativ schnell vonstattenging. Alleine daran lässt sich erkennen, welch zentrale Bedeutung der Romanvorlage und dem Notebook zukommen. Mario Puzo erhielt das Drehbuch abschnittweise per Post, schrieb Coppolas Vorschläge um oder segnete sie ab. 

Während des Drehs verließ sich Coppola auf sein Notebook: "When I went to shoot the movie, I had this notebook in my big brown bag; I would schlep it around from location to location, and it was always with me, throughout the shooting of the entire film. There was a script, obviously, which was used by the production team and actors, but I really directed the film using the notebook because it had the actual book rather than a screenplay, which had left so much out, so I was able to review not only Mario Puzo's original text, but all my first notations as to what was important to me or what I really felt was going on in the book. The notebook was a kind of multilayered road map for me to direct the film, and the script was really an unnecessary document for me. I didn't need a script because I could have made the movie just from this notebook.

Da Coppola der hohe Stellenwert des Notebooks bewusst war und er Angst hatte, es zu verlieren, schrieb er einen Hinweis aufs Deckblatt, dass es einen Finderlohn für das Buch gebe. 

The Godfather Notebook ist einen genialer Werkstattbericht, der auf mehreren Ebenen große Freude bereitet. Er ermöglicht einen unverstellten, unmittelbaren Eindruck in den Entstehungsprozess des ersten Godfather-Films - die Randnotizen zeigen, wie Coppola den Film vor seinem geistigen Auge vorstrukturierte, welche Passagen ihm besonders gefielen, welche er weniger mochte und bei welchen er mit sich rang, weil er nicht recht wusste, wie er sie filmisch umsetzen sollte. Die den einzelnen Abschnitten vorangestellten Vorüberlegungen interpretieren Puzos Text aus dem Blick eines Filmemachers, der an so konkrete Dinge wie Zeitplan und Budget denken muss. Und die Anmerkungen lassen deutlich werden, wie viel Arbeit Coppola investierte - allein der Umfang (784 Seiten) ist enorm.

Auf einer ganz anderen Ebene funktioniert das Buch aber auch. Immer wieder bemerkte ich beim Durchstöbern des Notebooks, wie ich mich in Puzos geschmeidiger Prosa verlor, wie mich sein Roman erneut gefangennahm. The Godfather Notebook ist ein Filmbuch, das die Sammlung eines jeden Filmfreundes bereichert. Für Cineasten hochinteressant, für Liebhaber des Films absolute Pflicht. 

Weiterführende Links: