Freitag, September 21, 2007

Gedrucktes: No Country for Old Men


Ende November startet in den USA der neue Film der Gebrüder Coen: No Country for Old Men. Der Film basiert auf dem 2005 veröffentlichten, gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy. McCarthy ist seit Mitte der 60er Jahre als Autor tätig, bekannt wurde er jedoch erst in den 90er Jahren durch seine Border-Trilogie. Teil eins der Trilogie, All the Pretty Horses, erhielt etliche Literaturpreise und war wochenlang in Bestsellerlisten vertreten. Im Jahr 2000 adaptierte Billy Bob Thornton den Roman für die Leinwand.

Die Coens versuchen sich nun also an McCarthys recht jungem, gut 300 Seiten langem Prosawerk, das wie die Border-Trilogie die Handlung an der texanisch-mexikanischen Grenze ansiedelt. In No Country for Old Men verzahnt McCarthy die Perspektive dreier Figuren miteinander: Die eines Jägers, eines Gejagten und eines Fährtenlesers.

Der Vietnam-Veteran Llewellyn Moss stößt während der Antilopen-Jagd auf einige Pickup-Trucks voller Leichen und Heroin. Unweit davon entfernt liegt ein weiterer Toter mit einem Koffer voll Geld, den Moss an sich nimmt und flüchtet. Nun wird der Freizeitjäger und Ex-Soldat selbst zum Gejagten. Dabei ist es jedoch nicht die wie gelähmt erscheinende Polizei, vor der er sich fürchten muss, sondern es sind die Auftragskiller der zwei Parteien, deren Drogendeal schief gelaufen ist. Insbesondere der psychopathische Killer Chigurh, der seinen Opfern vorzugsweise mit einem Luftdruck-Schlachtinstrument das Hirn aus dem Schädel bläst, wird zur ernsthaften Bedrohung für Moss. Der alte Sheriff des zuständigen Südstaatenkaffs, Ed Tom Bell, dessen Reflexionen über sein Leben und die dramatischen Veränderungen der Welt jedes Kapitel melancholisch einleiten und dem Roman die Aura eines Abgesangs auf ein Südstaatenidyll verleihen, fungiert hier als Fährtenleser, der dem blutigen Pfad, den die Gangster quer durch die grenznahen Kleinstädte schlagen, nur folgen, ihm aber nicht Einhalt gebieten kann.

Die Verquickung der Perspektiven macht den Roman hochinteressant. Sie führt dem Leser auf beeindruckende Weise vor, wie sehr sich die Rollen ähneln, in denen sich die Figuren bewegen. McCarthy beschreibt nicht nur Suche und Flucht in schnörkellosen Sätzen, sondern auch den Stillstand und das quälende Warten. Immer wieder liegen die Figuren regungslos auf ihren Motelbetten, den Blick starr an die Decke gerichtet. - Es geht um die alte Frage, ob man sein Schicksal selbst verändern kann oder ob es eine lenkende Hand gibt, die unser Tun steuert. Moss durchfährt ein starkes Gefühl der Angst, kurz bevor er den Geldkoffer an sich nimmt. Er weiß um die möglichen Konsequenzen. Er tut es trotzdem. Den Sheriff quält ein Kriegserlebnis, das über dreißig Jahre zurückliegt, und für das er zu Unrecht einen Orden erhalten hat. Und der eiskalte Killer Chigurh ist ein Determinist reinsten Wassers. So erklärt er einem seiner Opfer: “When I came into your life your life was over. It had a beginning, a middle, and an end. This is the end. You can say that things could have turned out differently. That they could have been some other way. But what does that mean? They are not some other way. They are this way.”

No Country for Old Men ist über weite Strecken ein äußerst effektiv gestrickter Thriller. Man ist kaum in der Lage, das Buch auf den ersten 200 Seiten aus der Hand zu legen. Für mich eindeutig das Spannendste, was ich dieses Jahr bislang gelesen habe. Doch dann - so um die Seite 250 - endet die Thriller-Handlung sehr abrupt. Es folgen weitere Meditationen des Sheriffs, ein langes Gespräch zwischen ihm und seinem Onkel, Gedanken über den verstorbenen Vater. McCarthy möchte hier die philosophische Ebene vertiefen, die er durch die kapiteleinleitenden Gedankenströme bereits eingeführt hat. Leider funktioniert das nicht wie intendiert. Denn Sheriff Bell ist eine dröge, langweilige Figur, die aufgrund ihrer Unfähigkeit, die Geschehnisse um den Geldkoffer gezielt zu beeinflussen, in ihrer stetigen Grübelei prätentiös erscheint. McCarthy taumelt also nach einem fulminanten Start und einem nervenaufreibenden Mittelteil ins späte Finish.

Die Sprache aber macht den Roman trotz alledem sehr lesenswert. Zwar erzwingt McCarthy vom Leser permanente Aufmerksamkeit, indem er auf gängige Interpunktion verzichtet und auch Grammatik und Rechtschreibung in die Funktion des Lokalkolorits stellt. Das hat aber Dialoge zur Folge, die, selbst wenn man still liest, den Singsang des texanischen Slangs im Kopf zum Klingen bringen.

No Country for Old Men ist wie geschaffen für die Coens! Darf man dem Trailer trauen, hält sich die Verfilmung sehr an die Vorlage. Der Stoff wird sich großartig in das Coensche Filmuniversum einreihen. Denn wie die meisten ihrer Filme spielt No Country for Old Men nicht in der Gegenwart. Im Jahr 1980 nimmt die Handlung ihren Lauf. Es wird wohl der mit Abstand blutigste, ja vielleicht sogar erste wirklich gorige, Coenfilm. Und er wird einen literarischen Bezug haben, wie er bislang in fast jedem ihrer Filme zu finden war.

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Freu mich auch schon darauf und hoffe die Coens können mal wieder einen guten präsentieren, nachdem ihre letzteren Ausflüge (Intolerable Cruelty, Ladykillers) extrem schwach waren.

Jochen hat gesagt…

Der Film wird ein Hammer, da bin ich mir sicher. Und ich stimme dir zu: Seit The Man who wasn't there haben sie keinen durchweg überzeugenden Film mehr abgeliefert.

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

...selbst den fand ich schon mittelprächtig.

Aber sag', warum liest du so viel? *g*

Jochen hat gesagt…

Doch, The Man Who Wasn't There ist wundervoll!

Und so viel lese ich gar nicht. Jedenfalls nicht genug :-)

LikeMike hat gesagt…

Klingt ja so, als wenn sich der Film relativ nahe am Buch gehalten hat. Wie würdest du denn im Rückblick den Film mit dem Buch vergleichen?

Die Sprache (wenig Punktion, falsche Grammatik etc.) schreckt mich da jetzt schon ein wenig ab. Das war in Die Straße lang nicht so arg... da hat er zwar auch alles unnötige weggelassen aber es blieb doch sehr gut lesbar und im Großen und Ganzen "korrekt"