Montag, März 24, 2008

DVD: Redacted


Für viel Wirbel sorgte Redacted in den USA. Wiederholt wurden Regisseur De Palma und Produzent Mark Cuban als Nestbeschmutzer beschimpft: Gegen die Truppen habe man nichts zu sagen, das verbiete einem der Patriotismus. Und dies war noch der harmloseste aller Vorwürfe. So wurde beispielsweise in einem rechten Internetforum nach einem Seil geschrien, mit dem man die Macher am nächsten Baum aufhängen wolle. Bezeichnenderweise hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand außer dem Premierenpublikum in Venedig, das Redacted mit langen Standing Ovations feierte, gesehen.

Vergegenwärtigt man sich, dass die ersten Vietnamfilme Hollywoods erst mehrere Jahre nach dem Abzug der Truppen in die Kinos kamen, kann man die teilweise drastischen Reaktionen in der amerikanischen Öffentlichkeit nachvollziehen: The Deer Hunter, First Blood und Platoon versuchten die Erlebnisse der Soldaten, ihre verletzte Psyche, für den Zuschauer erfahrbar und verständlich zu machen. Hingegen sind die ersten Irak-Filme wie Paul Haggis' In the Valley of Elah oder De Palmas Redacted ein verzweifelter Versuch, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Während Haggis' Film im Gewand des klassischen Erzählkinos mit großen Stars daherkommt und sich die Handlung wie ein Krimi entfaltet, setzt De Palma in dieser 5-Millionen-Dollar-Produktion auf unbekannte Schauspieler und experimentiert mit der Erzählform.

Eine Collage aus Videotagebuch, französischer Dokumentation, Überwachungskameras, youtube-Videos, Skype-Videotelefonaten, Blog-Videos, arabischen und US-Nachrichten sowie Internetvideos von irakischen Terroristen fügt sich hier zu einem Ganzen zusammen, das uns deutlich vorführen soll, wie sehr uns die Auswahl der Bilder als Zuschauer manipuliert. Die Form des Films ist gewissermaßen das Thema: Der Verzicht auf krasse Kriegsbilder, die bereinigte US-Fernsehberichterstattung war der Hauptgrund für De Palma diesen Film, der die gleiche Geschichte erzählt wie sein 1989 veröffentlichter Vietnamfilm Casualties of War, zu drehen. Schockierende Bilder wie jene vom My-Lai-Massaker in Vietnam gibt es zwar auch vom Irakkrieg, doch sind diese nur im Internet einsehbar, man muss nach ihnen suchen. Den Großteil der amerikanischen Bevölkerung erreichen sie somit nicht. Dass die geschilderten Geschehnisse von Samarra (in der Realität: Das Massaker von Mahmudija) denen in Vietnam fast bis aufs Haar gleichen, ist nicht nur erschreckend, sondern unfassbar. Es beweist einmal mehr, dass die Menschen nicht aus der Geschichte und ihren Fehlern lernen. Beide Filme basieren auf tatsächlichen Ereignissen. Die Dynamik innerhalb der Gruppe von Soldaten ist nahezu identisch: Der Tod eines geschätzten Vorgesetzten veranlasst die sexuell frustrierten Männer nach reichlich Alkoholkonsum in ein Haus mit Zivilisten zu stürmen, ein 15-jähriges Mädchen zu vergewaltigen und es anschließend zu töten. Die anderen anwesenden Familienmitglieder werden ebenfalls umgebracht.

Man kann Redacted sicherlich vorwerfen, uns Klischeefiguren zu präsentieren: Hier der gebildete, moralisch integere McCoy (Rob Devaney), dort der White Trash in Form von Flake (Patrick Carroll) und Rush (Daniel Stewart Sherman). Mittendrin der opportunistische Salazar (Izzy Diaz), der sein Videotagebuch als Eintrittskarte für die Filmhochschule begreift und darüber seinen ethischen Kompass vergisst. Und doch ist das nicht fern der Realität, schließlich rekrutiert das US-Militär in all seiner Verzweiflung schon längst auch psychisch labile Personen mit kriminellem Hintergrund, die lieber einen Trip in den Irak als in den nächsten Knast unternehmen. Wer sonst zieht heute noch freiwillig in dieses Schlamassel?

De Palma zeigt uns eine klassische Spirale der Gewalt: Am Checkpoint wird ein zu schnell fahrendes Auto mit Waffengewalt gestoppt. Die schwangere Beifahrerin stirbt im Kugelhagel, ihr Bruder wollte sie zur Entbindung zügig ins Krankenhaus bringen. Die Reaktion terroristischer Iraki: Eine Tretmine, getarnt als Fußball, zerfetzt den beliebten Master Sergeant Sweep (Ty Jones). Dies wiederum ist die Initialzündung für das Vergehen an der 15-Jährigen. Und diese Tat wird durch die Entführung und Enthauptung Salazars vergolten.

Zurück bleiben auf US-Seite traumatisierte Veteranen, um deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft sich das US-Militär nur unzureichend kümmert und auf diese Weise menschliche Zeitbomben produziert. Der „Kollateralschaden“ auf Seite der Iraki ist freilich unmittelbarer, schlägt sich in zahllosen zivilen Opfern nieder und wird einem in einer ergreifenden Schlussmontage mit drastischen Real-Bilder vor Augen geführt. Diese Bilder wurden ironischerweise zensiert (Redacted was redacted!): Die Augen der abgebildeten Personen wurden geschwärzt. Produzent Cuban fürchtete eine juristische Auseinandersetzung mit den Hinterbliebenen. De Palma tobte, konnte es aber nicht verhindern.

Mehrere Kritiker bemängelten das Schauspiel der Jungdarsteller. Es sei so künstlich wie in einem schlechten Schultheater. Dabei übersahen sie jedoch, dass die Darsteller dazu angehalten waren, realistisch vor einer offensichtlich laufenden Kamera zu spielen – und wird eine Kamera auf jemanden gerichtet, verhält er sich unnatürlich. Etwas, das wohl jeder (bis auf einige weltfremde Kritiker) schon einmal erfahren hat.

Musikalisch sticht Händels Sarabande hervor, die im Dokumentarfilm zum Einsatz kommt: Der getragene Charakter des Stückes unterstreicht die von den Soldaten erlebte Monotonie und permanente Anspannung am Checkpoint, ist aber natürlich gleichzeitig auch eine direkte filmische Referenz an Kubricks Barry Lyndon, die ihrerseits an einer Stelle zu Beginn durch eine simultane bildliche Anspielung auf Peckinpahs The Wild Bunch erweitert wird: So beobachtet Salazar wie Ameisen einen Skorpion überwältigen, zückt seine Kamera und reagiert auf dieses verblüffende tierische Gewalt-Spektakel mit einem kindlichen Lachen. Dieser Moment ist gleichermaßen ein bewusstes Spiel mit einem filmhistorischen Subtext als auch eine plakative Metapher für die gegenwärtige Situation im Irak, wo die Amerikaner von irakischen Attentätern übermannt zu werden drohen.

Jedermanns Kost ist Redacted mit seinem überdeutlichen didaktischen Anliegen gewiss nicht. Aber die Kompilation aus sorgfältig recherchierten Kriegs-Grausamkeiten lässt auch gewiss niemanden kalt. Redacted ist ein bestialischer Schrei gegen den Irakkrieg, der durch seine furiose und vielleicht sogar stilbildende Form (die Zukunft wird’s zeigen) die derzeitigen Grenzen des Kinos erweitert.

Zur DVD

BILD (1.78:1 anamorph): Redacted wurde von HDNet finanziert und somit (wie alle Filme dieses Labels) digital aufgenommen. De Palmas erste Schritte im digitalen Medium waren vorher freilich wohl überlegt. Form und Inhalt sollten zueinander passen. Und da schon die Struktur von Redacted überwiegend digitale Medien als Filmquellen vorschreibt, erscheint der Entschluss in HD zu drehen nur logisch und konsequent. Während die Videotagebuchszenen authentisch amateurhaft wirken, führen einem die Aufnahmen der französischen Dokumentation beeindruckend vor, wie schwer der Unterschied zwischen klassischem und digitalem Filmmaterial mittlerweile zu erkennen ist: Die goldbraunen Farben des Sandes in der aufgehenden Sonne strahlen fast so prächtig wie einst Technicolor.

TON: Es befinden sich ein englischer Dolby Digital 5.1 und ein 2.0-Track auf der RC-1-DVD. Die Dialoge sind stets gut verständlich, obwohl bei genauerer Überlegung ein solch guter Dialog-Ton in den Videotagebuch- und einigen anderen Szenen technisch kaum möglich wäre. An Surroundsound wurde deshalb konsequenterweise gespart - dieser hätte sich formal nicht in den Film eingefügt. - In der Zwischenzeit ist nun auch die deutsche DVD mit einer deutschen Synchrontonspur erschienen. Da das Durcheinander der Sprachen und die Kommunikationsprobleme der Kulturen ein zentrales Thema in Redacted sind, erscheint mir eine Synchro schon im Ansatz verfehlt zu sein. Ich habe sie bislang jedoch nicht überprüfen können.

EXTRAS: In einem fast neunminütigen Interview mit dem Titel Higher Definition: Redacted Episode erfahren wir die Gründe für De Palmas Entschluss, Redacted zu drehen. Kurz aber gut.

Ein exakt fünfminütiges Behind the Scenes-Feature zeigt uns in Splitscreens die Entstehung der Pokerszene.

Eine gute Stunde dauern insgesamt acht Refugee Interviews: Flüchtlinge aus dem Nahen Osten erzählen ihre ergreifenden Lebensgeschichten.

Fazit: Redacted ist ein erschütterndes Dokument über die Grauen des Irakkrieges, das die formalen Grenzen des Kinos neu auslotet. Die DVD-Veröffentlichung ist solide aber nichts Besonderes.


Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Wie zu erwarten findet sich bei dir kein Wort der Kritik an De Palma ;) Dabei wirkt der Aufbau der "Handlung" auf mich wie du erwähnst sehr nach Klischee konstruiert. Beim Film wirkt auf mich lediglich die optische Verpackung interessant.

TheRudi hat gesagt…

P.S. Ein Blick auf Wikipedia offenbart das grandiose amerikanische Justiz-System: die Verantwortlichen des Massakers werden zum Teil zu 110 Jahren (!) Haft verurteilt - mit der Möglichkeit nach 10 Jahren auf Bewährung frei zu kommen. Amerikaner sind wahrhaftig bescheuerte Menschen *kopfschüttel*

Jochen hat gesagt…

De Palma wird schon genug kritisiert. Da muss ich mich ja nicht auch noch in diesen Chor einstimmen ;-)

Der "Handlung" würde ich nicht Konstruiertheit vorwerfen, schließlich basiert sie auf akribisch recherchierten Fakten. Die nachgestellten youtube-Videos kann man im Original z. T. noch im Internet "bewundern". Inwiefern die Figuren zurechtgestutzt wurden, mag ich nicht beurteilen, weil ich den Realfall nicht intensiv studiert habe. Fest steht jedenfalls, dass die Anzahl der Beteiligten und ihr jeweiliges Verhalten während des Verbrechens mit dem übereinstimmt, was bei der Gerichtsverhandlung ans Tageslicht gekommen ist.

Dass das US-Justizsystem ein großer Witz ist und nicht viel mit Gerechtigkeit am Hut hat, ist ja allgemein bekannt. Insofern amüsieren mich die Urteile mehr als dass sie mich verblüffen...

TheRudi hat gesagt…

Hast die DVD nun doppelt oder hast die CD WOW Ausgabe stornieren können?

Jochen hat gesagt…

Man kann cd-wow ja einiges vorwerfen, aber der Customer Service reagiert sehr prompt. Die Stornierung war kein Problem...

Gocad hat gesagt…

Interessanter Post. Ich kann allerdings nicht verhehlen, daß mich De Palmas Begründung weshalb den Film meinte drehen zu müssen mehr interessiert als der Film selbst.
Naja, zumindest relativ gesehen. ;)

grammaton cleric hat gesagt…

Das klingt ja alles schön und gut, aber die DVD ist nicht anamorph!? Dass es das noch gibt... :(

Jochen hat gesagt…

@ Gocad

Ist mir schon klar, warum dich die Wahrnehmung des Krieges in den USA mehr interessiert als der Film selbst. Aber Redacted ist ja ein kultureller Reflex auf diesen Missstand, insofern unverzichtbar, gerade im Hinblick auf eine etwaige Erweiterung einer MA-Arbeit zu einem solchen Thema ;-)

@ Cleric

Doch, leider. Die DVD ist kein Renner aber auch nicht wirklich mies. Was mich allerdings wundert: Dass keine HD-Veröffentlichung erschienen ist, schließlich ist HD eine Spezialität von HDNET...

Flo Lieb hat gesagt…

Also die DVD die ich gesehen hatte, war optisch sehr gut. Frag mich aber nicht wieso.

Redacted ist ein bestialischer Schrei gegen den Irakkrieg, der durch seine furiose und vielleicht sogar stilbildende Form (die Zukunft wird’s zeigen) die derzeitigen Grenzen des Kinos erweitert.


Wohl eher gegen den Krieg allgemein, sprichst du ja selbst an, dass De Palma diesen Film schon einmal gedreht hat. Im übrigen wiederholt sich Geschichte immer, das ist ja die Ironie daran (thematisch auch sehr nett z.B. von den Wachowskis in den MATRIX-Sequels umgesetzt). Stilbildende Form dann aber Nein Danke. War vom Film sehr enttäuscht, nicht nur wegen der Handlung, die man in der Form schon dutzend Mal gesehen hat, sondern auch weil der Film außer seiner visuellen Spielerei leider kaum was zu bieten hatte.

Jochen hat gesagt…

So: Eine erneute Sichtung hat mir ein weiteres Mal klar werden lassen, wie brillant Redacted inszeniert ist. Ich könnte lange schwärmen, vieles gegen Rudis unkonkrete Generalanklage vorbringen, habe aber leider keine Zeit dafür. Es sei nur kurz und selbstkritisch angemerkt, dass das Bild der US-DVD anamorph ist - da ich die DVD bei der ersten Sichtung nicht auf meiner üblichen Anlage sehen konnte, kam dieser Fehler zustande. Asche auf mein Haupt...