Dienstag, August 14, 2007

Die glorreichen 7: Beerdigungen

Noch bevor man in seinem Leben an einer realen Beerdigung teilnimmt, hat man in aller Regel schon etliche Male einer solchen Zeremonie im Film beigewohnt. Da verwundert es nicht, dass wir typische Beerdigungsszenen längst verinnerlicht haben. Ohne lange nachdenken zu müssen, fallen einem sofort die drei klassischen Kamera-Einstellungen ein:

1. Totale der Trauergesellschaft
2. In Gegenschnitten: Großaufnahmen vom sprechenden Priester und den pietätvoll dreinblickenden Gesichtern der Angehörigen.
3. Großaufnahme vom Sarg und wie er in die Tiefe hinabgelassen wird.
4. (fakultativ) Die Silhouette eines entfernt stehenden Trauergastes, der freilich von der Hauptfigur entdeckt wird (beispielsweise ein Polizist auf der Suche nach dem Täter).

Das Wetter unterstreicht oftmals die melancholische Stimmung am Grabe. Regen, Wind, Nebel, Schnee oder Kälte sollen die Gemütslage der Hinterbliebenen verbildlichen. Eine theatralische Musikbegleitung tut das Übrige.

Wie viele Horrorkomödien verkehrt Braindead das Traurige einer Beerdigung ins Lustige.

Dass Trauerfeiern trotz der eben aufgezählten Klischees das Stoffpotential für eine ganze Serie haben, beweist Six Feet Under eindrucksvoll. Nirgends wird man eine intelligentere Auseinandersetzung mit den verschiedenen Möglichkeiten und Hindernissen des Themenfeldes "Beerdigung" finden: Art des Todes, Sarg oder Urne, Einbalsamierung, Trauerprozess und ergreifende Grabreden werden hier geschickt mit dem aufregenden Leben der Familie Fisher verknüpft.

Da die Masse an Beerdigungsszenen kaum zu überblicken ist, will ich versuchen, eine facettenreiche Liste zusammenzustellen, auch wenn das bedeutet, die eine oder andere auszeichnungswürdige Beisetzung nicht zu nennen. Verständlicherweise markieren die besten Filmbeerdigungen oft nicht nur einen Einschnitt im Leben der Protagonisten, sondern fungieren oftmals auch als Wendepunkt im Film.

Los geht's ...


Harold and Maude teilen eine Leidenschaft: Sie besuchen uneingeladen Beerdigungen und lernen sich auf einer solchen kennen. Die Faszination am Tod verbindet die beiden. Im Gegensatz zu Harold versteht Maude Beerdigungen jedoch als eine Feier des Lebens. Die Beerdigungen selbst werden von Hal Ashby zwar nicht sonderlich originell in Szene gesetzt, sie sind ja auch nur der Hintergrund, vor dem wir die zwei Hauptfiguren kennenlernen. Dennoch fügen sie sich perfekt in die schwarze Komödie ein. Der große Erfolg von Harold and Maude lässt sich nicht zuletzt auf seinen satirischen Umgang mit dem Tod zurückführen.


Der Campus: Sönke Wortmann nutzt die Trauerfeier für einen morbiden Gag, indem er die Hauptfigur Hanno Hackmann (Heiner Lauterbach) bei einer Beisetzung in die Sarggrube fallen lässt. Die Trauergesellschaft blickt bedrohlich auf den im Grab gefangenen Hackmann hinab und amüsiert sich in der anschließenden Trauerrede über dessen Missgeschick. Eine Art 'Foreshadowing', nimmt das Leben des ehrgeizigen Soziologieprofessors doch kurz darauf eine steile Talfahrt. Gerät Hackmann bei der Beerdigung im kleinen Kreise in die Rolle des Außenseiters, ist er kurze Zeit später die Persona non grata an der Universität.


Once Upon a Time in America: In einer symbolischen Beerdigung wird von den Alk-Schmugglern die Prohibition zu Grabe getragen. Aber auch die innige Freundschaft zwischen Noodles (Robert De Niro) und Max (James Woods) endet an diesem Abend. Noodles wird während der "Trauerfeier" in ein Hinterzimmer gehen, um der Polizei einen telefonischen Tipp zu geben, der das Leben seiner besten Freunde fordern und folglich zu weiteren Beerdigungen führen wird.


Kill Bill Vol. 2: Und was ist, wenn man beerdigt wird, obwohl man noch gar nicht hinüber ist? Eine beängstigende Vorstellung, die Quentin Tarantino virtuos inszeniert. The Bride (Uma Thurman) wird bei vollem Bewusstsein mit einer Taschenlampe in der Hand in einen Holzsarg verfrachtet, Deckel drauf, zugenagelt und ab in die Tiefe. Tarantino zieht diese Szene quälend in die Länge, das Bild ist lange Zeit schwarz, die Umgebungsgeräusche sind extrem laut, als lägen wir selbst in der Holzkiste. Tarantino begeisterte dieses Szenario so sehr, dass er nach Kill Bill eine CSI-Doppelfolge drehte, in der er das Lebendig-Begraben-Sein variierte.


The Third Man: Die zwei Friedhofsszenen im "dritten Mann" haben eine solche Wirkung gehabt, dass meines Wissens bis heute Rundgänge auf dem Wiener Friedhof angeboten werden, bei denen man die Route des Holly Martin (Jospeh Cotten) nachspazieren kann. Die doppelte Beerdigung des Harry Lime (Orson Welles) rahmt den Film, verleiht der Handlung eine konzentrische Form und unterstreicht noch einmal den großen Bluff, den der gute Harry über die Hälfte des Films aufrecht erhält. Von den hier aufgeführten Szenen dürfte diese die einflussreichste gewesen sein. So zitieren beispielsweise die Coen-Brüder augenzwinkernd den Schluss von Carol Reeds Meisterwerk in ihrem grandiosen Neo-Noir Miller's Crossing.


The Godfather: Familiäre Zeremonien spielen in den Godfather-Filmen eine zentrale Rolle. Teil 1 eröffnet mit einer Hochzeit. Der entscheidende Wendepunkt vollzieht sich jedoch bei der Beisetzung des Dons (Marlon Brando). Tessio (Abe Vigoda) arrangiert ein Treffen zwischen Barzini (Richard Conti) und Michael (Al Pacino) und outet sich damit als Verräter. Die Prophezeiung des Dons bewahrheitet sich. - Am Grabe seines Vaters sollen die Weichen für den Mord an Michael gestellt werden, zu einem Zeitpunkt also, an dem er in den Augen seiner Feinde als besonders geschwächt gilt.


Six Feet Under - Pilot: Alan Balls Pilotfilm von Six Feet Under zeigt die Beerdigung des Bestattungsunternehmers und Familienvaters Nathaniel Fischer. Der frisch heimgekehrte Sohn Nate (Peter Krause) beschwert sich über die sterile, durchorganisierte, klinisch saubere Art, mit der Trauerfeier und Beisetzung erfolgen: Emotionen seien unerwünscht. Die eigentliche Funktion einer Beerdigung, das Abschiednehmen, heilvolle Trauern, das Schmerzverwinden und Feiern des Lebens des Verstorbenen finde nicht statt. Ein großartiger Einstieg für eine Serie, die sich das Leben von Bestattungsunternehmern zum Gegenstand wählt, und zweifellos die modernste und ehrlichste Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten einer Beerdigung unter den hier aufgelisteten Filmen.

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Lebowski hat es nicht in die Liste geschafft? :(

Dafür aber eine Serie ;) Hättest ja auch die Beerdigung von Jackie aus den Sopranos nehmen können, wo Junior vollends dämmert, dass sein Pop ein Mafiosi ist...oder die aus 4 Hochzeiten und 1 Todesfall....oder...ja ich weiß, man kann nicht immer alles zu einem Thema sehen.

Jochen hat gesagt…

Nein, Donnys Beerdigung hat es nicht geschafft. Ich fand das mit der Asche, die der Dude abbekommt, auch nie richtig witzig *duck* Ist einer von zwei Jokes des Films, die für mich nicht funktionieren.

Und an SFU kommt man bei diesem Thema einfach nicht vorbei. Wie schon gesagt: Ich kenne keinen Film, der sich auf annähernd vergleichbarem Niveau mit der Materie auseinandersetzt.

Und in punkto "Sopranos" hast du Recht. Da hätte es die eine oder andere Beerdigung verdient, genannt zu werden. Gerade in Staffel 6 gibt es eine Doppelbeerdigung, die schon etwas Besonderes ist...aber es gibt halt nur sieben Plätze :-)

Tim hat gesagt…

Ohne Kill Bill gesehen zu haben, stelle ich mal die These auf, das sich Tarantino da von George Sluizers Spoorloos (oder seinem eigenen aber miesen Remake The Vanishing) hat beeinflussen lassen, denn das Ende des ersteren Filmes gestaltet sich ziemlich genauso wie von Dir beschrieben.

Jochen hat gesagt…

Da hast du Recht, Tim. Ich habe Spoorloos aber nach KILL BILL und dem Verfassen dieses Posts gesehen. Insgesamt finde ich die Beerdigung in KILL BILL Vol. 2 jedoch dramatisch wirksamer inszeniert. Insofern würde sich an dieser Rangfolge nichts ändern ;-) Trotzdem danke für den Hinweis, die Verbindung habe ich gar nicht hergestellt...

Jochen Moeller hat gesagt…

Huebscher Beitrag, diese Liste, Danke. Ich recherchiere gerade, wo und wie Beerdigungen in Film und Literatur vorkommen, und bin fuer weitere Tipps dankbar. Die meisten Leute denken uebrigens spontan an "Four weddings and a funeral", wenn man sie anspricht auf das Thema.
jochenm@hotmail.com