Samstag, November 11, 2006

Die glorreichen 7: Traumsequenzen

Wer liebt sie nicht? Traumsequenzen! Die Momente, in denen sich der Regisseur so richtig austoben kann, wo fast keine Idee zu verrückt erscheint, wo das Nicht-Sinnmachen sinnvoll ist. Ich liebe Traumsequenzen wegen ihres scheinbar anarchischen Charakters, wegen ihres Fuck-you an die weltliche Logik. Grund genug eine Liste der glorreichen 7 zusammenzustellen.

Doch wann und wozu treten Traumsequenzen im Film auf? In der Regel sollen Traumsequenzen einen Blick in die Vergangenheit einer Figur ermöglichen, einen Wunsch oder eine Begierde formulieren oder Ängste zum Ausdruck zu bringen. Sie können zu jedem Zeitpunkt aufreten: Der Film kann mit einem Traum beginnen (Dressed to Kill), ihn zwischendurch einschieben (Vertigo), mit einem Traum enden (Unforgettable) oder fast vollständig ein Traum sein (Jacob's Ladder). Tagträume (Herr Lehmann - siehe Bild: so stellt er sich seinen Nachwuchs vor), Alpträume (A Nightmare on Elm Street), skurrile Sexträume (Naked Lunch) - alles ist möglich: In De Palmas Femme Fatale verbringt der Zuschauer die überwiegende Zeit des Films in einem Traum (oder einem Traum im Traum - je nach Interpretation), ohne explizit darauf hingewiesen zu werden. Lediglich eine Reihe sorgfältig eingebauter Leitmotive verweist auf ein Traumgeschehen.

Nightmare 4: Erst müssen die Schüler brav Kafka lesen, dann werden sie dank Freddy selbst zu Gregor Samsa.


Um die Jahrtausendwende feierten Filme Hochkonjunktur, die sich mit dem Realitätsbegriff auseinandersetzten. Reihenweise erwachten die Helden aus finstren Träumen und alternativen Realitäten (Truman Show, Stir of Echoes, The Matrix, eXistenZ, Donnie Darko, Vanilla Sky, Memento etc.) Warum dies damals der Fall war, ist mir nie so richtig klar geworden. Millenniumsangst? Erster Höhepunkt des Internetzeitalters? Wer eine Erklärung dafür parat hat, den bitte ich um Feedback im Kommentarteil des Blogs! Der 11. September 2001 beendete diese Periode jedenfalls schlagartig. Oder besser: Er ließ die Filmemacher klischeeartig aus ihrem süßen Schlummer fahren: Kerzengerade und mit meinem Schrei auf den Lippen. Man musste sich wieder der Wirklichkeit stellen.

Vor wenigen Wochen kam nun ein Film in die Kinos, der Träume wieder feiert: The Science of Sleep vom französischen Kreativtalent Michel Gondry. Schon in Eternal Sunshine of the Spotless Mind zelebrierte Gondry die unbewusste Gedankenwelt mit fantastischen visuellen Einfällen. Und während die unzähligen Träumereien in The Science of Sleep auf mich nach einiger Zeit ermüdend wirken, fesselt Eternal Sunshine durch eine kluge Geschichte und phantasievolle Traumwelten gleichermaßen und beweist so, dass sich Filmträume und Plot-Logik nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

In zwei HBO-Serien übernehmen Träume eine wichtige Rolle. Während die Figuren in Six Feet Under von Beginn an fleißig am (Tag-)träumen waren und die Serie am Ende der fünften Staffel mit einem betörend schönen Zukunftstraum Claires endgültig schloss, entwickelten sich bei den Sopranos Tonis Träume erst ab dem Ende der zweiten Staffel zu einem reifen, handlungstreibenden Element. In den ersten Folgen der sechsten Staffel füllen sie nun sogar mehr als die Hälfte der Episoden aus. Dabei bleiben sie im Vergleich zu seinen früheren Träumen (z.B. sprechende Fische) erstaunlich realistisch und infolge dessen leider wenig faszinierend, beinahe langweilig. Träume sind sicherlich kein Garant für Spannung. Science of Sleep und die Episoden 2 und 3 der sechsten Sopranosstaffel (so gegensätzlich die Träume im Einzelnen auch sein mögen) sind für mich Beispiele dafür, wie das Träumen erzählerische Überhand nehmen kann. Die Folge: Sie wirken ab einem gewissen Zeitpunkt selbstverliebt. Die Filmemacher geben sich den Träumen zu sehr hin, haben vergessen den Wecker zu stellen und wollen nicht aufwachen.

Aber nun zu den glorreichen 7! - Filme, bei denen sich Traum und Realität für den Zuschauer auf nicht oder nur schwer nachvollziehbare Weise miteinander vermischen, sind hier ausgeschlossen (Goodbye, Mr. Lynch!). Es soll um "reine" Traumsequenzen gehen....

7. American Beauty: Wenn man nur einzelne Bilder von Lester Burnhams (Kevin Spacey) Lüstlingsträumen vorgelegt bekäme, müsste man meinen: Was für ein Haufen Kitsch ist das denn bitteschön? Aber dank der grandiosen Stimmung, die Sam Mendes in diesen Traumsequenzen erzeugt, wirken sie erotisch, poetisch und selbstironisch zugleich. Sie sind in ihrer Verkitschtheit perfekt auf den verträumten Loser Lester zugeschnitten, dessen Verteidigungsstrategie gegen seine diktatorische Ehefrau der Aufbau eines reichen Innenlebens ist. Lesters Träume laden selbst zum Träumen ein...

6. Smultronstället (DT: Wilde Erdbeeren): Isak Borgs (Viktor Sjöström) Alptraum zu Beginn des Films ist die Initialzündung für seine Autoreise nach Lund, die er ursprünglich mit dem Flugzeug unternehmen wollte. Immer wieder lässt Ingmar Bergman im weiteren Verlauf den alten Professor tagträumen. Doch dieser erste Alptraum in scharfem Schwarzweiß ist für mich der visuell interessanteste. Bergman findet hier eindrucksvolle Bilder, um den inneren Konflikt des Mediziners (die Angst vor dem nahenden Ende) auszudrücken: eine Uhr ohne Zeiger, ein Sarg, das eigene Ich im Sarg. Auch wenn ich Smultronstället insgesamt nicht sonderlich schätze, gehört diese Traumsequenz doch zu meinen Favoriten.

5. Grand Canyon: Ein Ehepaar liegt zusammen im Bett und schläft. Wir werden Zeuge vom Traum des Mannes namens Mack (Kevin Kline): Er fliegt durchs nächtliche L.A., genießt die Aussicht. Als er über ein Ghetto fliegt, in dem er in der realen Welt von einer schwarzen Jugendbande bedroht wurde, beginnt ein Falltraum, doch er fängt sich wieder. Er fliegt weiter. Das Hollywoodzeichen hat sich in "Hullo Mack" verwandelt. Danny Glover, sein Retter aus der Ghetto-Bredouille, steht fröhlich hüpfend auf dem "C" des Zeichens und gibt ihm im Vorbeifliegen einen Handschlag. Der Traum endet mit einem lasziven Blick in das Schlafzimmer seiner sexuell frustrierten Sekretärin - dann zerbricht ein Spiegel und wir gleiten in den Angsttraum seiner Ehefrau, die verzweifelt ihren Sohn und Ehemann sucht. Als sie die beiden schließlich in einem abfahrbereiten Zug findet, schlägt sie von außen gegen das Zugfenster - die beiden winken ihr kurz zu, interessieren sich aber nicht für sie. Der Zug fährt ruckartig an und verlässt den Bahnsteig in Windeseile, da hört sie ein Baby schreien...Die Verknüpfung dieser zwei Träume ist Lawrence Kasdan großartig gelungen - sie fühlen sich an wie echte Träume und informieren uns intelligent über die Gedanken und Gefühle des Ehepaars. In dieser Liste sind es zweifellos die am flüssigsten inszenierten und glaubhaftesten (wenn dieses Wort in diesem Zusammenhang erlaubt ist) Träume.

4. Vertigo habe ich mir für die Erstellung dieser Liste extra noch einmal angesehen. Und auch wenn Jimmy Stewarts Alptraum leider ziemlich kurz ist, so bleibt er doch bis heute in hohem Maße effektiv - der kalte, anklagende Blick, den ihm die tote Carlotta zuwirft, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Bernhard Herrmanns gespenstische Begleitung passt zu keinem Zeitpunkt des Films besser. Auch die titelgebende Idee des Schwindels fängt diese Alptraumsequenz mit ihren um James Stewarts Kopf kreisenden Spiralen visuell am Treffendsten ein.

3. In An American Werewolf in London bekommt man in kurzer Abfolge eine Serie äußerst effektiver Alpträume geboten, die die Transformation Davids in einen Werwolf verdeutlichen sollen. Genialer Höhepunkt ist der Traum im Traum, der seit Landis' Werwolffilm von so ziemlich jedem Horrorstreifen kopiert wird: David muss im Traum mitansehen, wie seine Familie von Nazi-Werwölfen getötet und ihr Haus abgefackelt wird. Anschließend wird ihm die Kehle durchgeschnitten. David fährt aus dem Schlaf und findet eine Krankenschwester lesend neben seinem Bett. Die Krankenschwester steht auf, zieht einen Vorhang zur Seite, hinter dem sich ein weiterer Naziwolf versteckt hält, der sich natürlich sofort auf die Pflegerin stürzt und sie mit einem Messer zerfleischt. David fährt erneut aus dem Schlaf....

2. The Big Lebowski: Die Kifferträume des Dudes, wie soll man sie beschreiben? Am besten gar nicht: Angucken und lachen!

1. Es gibt für mich keinen Zweifel über die Nummer eins: Living in Oblivion. Tom DiCillos intelligente und schreiend komische Independent Komödie erhebt die Traumsequenz zum Hauptthema. Der Film besteht aus drei Episoden, die von einem Low-Budget-Seifenoperdrehtag erzählen. Zwei dieser Episoden sind Träume von Beteiligten. Im dritten Teil wird eine Traumsequenz gedreht. Living in Oblivion ist somit entweder ein Traum oder die Inszenierung eines Traumes. Deshalb weiß ich nicht so recht zu sagen, welcher dieser Traumsequenzen mein Favorit ist. Ich liebe sie alle, beschreibe an dieser Stelle keinen, sondern zitiere lieber Tito, den Zwerg, der mit Twin Peaks offenbar wenig anfangen kann: "Why does my character have to be a dwarf? Is that the only way you can make this a dream? Put a dwarf in it! Have you ever had a dream with a dwarf in it? Do you know anyone who had a dream with a dwarf in it? - NO! I don't even have dreams with dwarves in them. The only place I have seen dwarves in dreams is in stupid movies like this. Oooh, make it weird, put a dwarf in it! Everyone will go 'Wow! Wow! This must be a fucking dream. There's a fucking dwarf in it.' Well, I'm sick of it. You can take this dream sequence and shove it up your ass!"

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

hee jochen,

ich schreibe gerade meine magisterarbeit über "traum im film" und muss dazu auch einen historischen abriss geben. hast du quellen für deine aussagen? das wäre sehr hilfreich! merci!

tina

Jochen hat gesagt…

Hallo Tina,

hört sich nach einem spannenden Thema für eine Magisterarbeit an. Quellen kann ich dir leider keine nennen. Das ist -so weit mich mich erinnere- alles auf meinem Mist gewachsen. Kann sein, dass ich mal Wikipedia konsultiert habe, aber mit Bestimmtheit kann ich das nicht mehr sagen, weil das Verfassen schon zu lange zurückliegt.

Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner MA-Arbeit. Wenn sie fertig ist, kannst du mir sie mir gerne schicken, würde mich brennend interessieren...