Montag, August 06, 2007

Film noirs in Kürze: Polonsky & Wilder

Force of Evil ist einer der 75 Filme, die Sight and Sound kürzlich als vergessene Perlen anpries. Und in der Tat entwirft Regisseur Abraham Polonsky in nur 78 Minuten eine einprägsame Fabel über Brüderliebe, Schuld, Reue und Erlösung. Der smarte Rechtsanwalt Joe Morse (John Garfield) plant zusammen mit seinem Arbeitgeber, dem Groß-Gangster Ben Tucker (Roy Roberts), die Wettbüros in New York zu sprengen. Am 4.7. sorgen sie dafür, dass die Zahl 776 (am 4. Juli 1776 wurde die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet) in allen wichtigen Spielen gewinnt. Die Spielbanken gehen bankrott, weil viele Zocker an diesem Tag die 776 spielen, und Tucker kann sie mit seiner Organisation übernehmen und monopolisieren. Doch Joe will seinen älteren Bruder Leo (Thomas Gomez) warnen, der ein kleines Zahlenspielbüro leitet. Joes Problem: Leo möchte von diesen Gangstergeschichten nichts wissen. Eine Tragödie bahnt sich an, in der Joe zwischen zwei Kräften langsam zerrieben wird: Seiner Geldgier und der Loyalität zu seinem Bruder. - Der Plot ist streckenweise etwas verworren. Eine Zweitsichtung wäre sicherlich nicht verkehrt. Dennoch: Force of Evil ist unglaublich sozialkritisch, ohne dabei gezwungen oder pathetisch zu wirken. Man merkt, es liegt Abraham am Herzen, diese Geschichte über Richtig und Falsch, Gut und Böse zu erzählen. Und er findet die perfekte Form dafür, denn dies ist einer jener seltenen Filme, von denen man sich jede einzelne Einstellung in Plakatgröße an die Wand hängen könnte: George Barnes (Rebecca) strenge Schwarzweißmalereien haben meinen Kiefer mehrmals runterklappen lassen. Sight and Sound hat also Recht: Eine vergessene Perle!
79 Punkte.


Sunset Blvd. von Billy Wilder hätte wie Double Indemnity eine ausführliche Besprechung verdient. Und vielleicht werde ich das zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. Wie auch immer: Diese bitterböse Komödie gehört zum Besten, was Film noir zu bieten hat. - Der junge Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) findet sich mit einem platten Reifen und auf der Flucht vor Gläubigern in der Einfahrt der alternden Hollywooddiva Norma Desmond (oscarnominiert: Gloria Swanson) wieder, die in einer äußerlich verwilderten, gotisch eingerichteten Villa mit ihrem Butler (Erich von Stroheim) lebt. Der steinreiche Ex-Hollywoodstar bietet Gillis eine Unterkunft und exzellente Bezahlung für die Überarbeitung ihres selbst verfassten Drehbuchs Salome. Gillis akzeptiert und gerät immer mehr in die Fänge der in ihrer Vergangenheit gefangenen, irren und dennoch charismatischen Norma. Als er aus ihrem Griff auszubrechen versucht, begeht sie einen Selbstmordversuch, um ihn an sich zu binden - mit Erfolg. Doch Gillis verliebt sich schließlich in eine andere Frau (Nancy Olson). - Erzählt in einem einzigen, umfassenden Flashback und mit wundervollen Cameos von Hollywoodgrößen wie Cecille B. De Mille und Buster Keaton angereichert, ist Sunset Blvd. neben Robert Altmans The Player die bissigste Satire über die Traumfabrik, die mir bekannt ist. Gleichzeitig führt uns Billy Wilder vor, wie sehr Ruhm in jungen Jahren die Psyche eines Menschen zeitlebens durcheinanderwirbeln, ja zerstören kann. Ein zeitloses Thema. Und so ist Gloria Swanson, deren persönliche Karriere einige Ähnlichkeiten mit der ihres Alter Egos aufweist, der eindeutige Star und lässt die ebenfalls oscarnominierten Leistungen Holdens und Olsons in den Hintergrund rücken. Einzig Erich von Stroheim, der sich in gewisser Weise auch selbst spielt, vermag es, Swanson zu überstrahlen. - Ein Meilenstein im Œuvre Billy Wilders und ein Pflichtfilm für jeden Filmfreund!
95 Punkte.

Kommentare:

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Ja, ja und nochmals ja! Billy Wilder schätzen wir beide wirklich gleichermaßen!

TheRudi hat gesagt…

Juhu, ich auch. Da bin ich aber froh, denn Billy Wilder und Tim Burton müssten bei dir, Rajko, mein Fanboytum hinsichtlich Kubrick wettmachen können *g*

Sunset Blvd. ist aber auch in der Tat ein toller und ergreifender Film.

Jochen hat gesagt…

Auf Wilder können wir uns also alle einigen :-) Gibt es denn jemanden, der seine Filme nicht leiden kann?

Übrigens halte ich Double Indemnity und Sunset Blvd. nicht nur für außerordentliche Film noirs, sondern auch für den Höhepunkt in Wilders Schaffen. :-)

TheRudi hat gesagt…

Um das zu beurteilen müsste ich INDEMNITY erstmal sehen. Finde aber eigentlich alle Filme von Wilder (die ich gesehen habe *g*) äußerst gut, wobei sich seine Komödien vielleicht nicht direkt mit diesen "düsteren" Filmen wie SUNSET vergleichen lassen.

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

@rudi:

Gerade so, wenn ich mal 'nen Auge zudrücke. ;)

@Jochen:

Das mit dem Höhepunkt hab ich mal überlesen, angesichts dessen, dass ich SOME LIKE IT HOT für die beste und ONE TWO THREE für die zweitbeste Komödie der Filmgeschichte halte. *g* Von THE APPARTEMENT gar nicht zu sprechen, was für ein kongenialer Film.

Jochen hat gesagt…

Sorry, aber für mich sind das eindeutig seine Höhepunkte. Aber das soll die Filme, die du genannt hast, nicht abwerten, denn auch die drei mag ich alle sehr gerne. Ich liebe auch Avanti!, The Fortune Cookie und kann sogar mit The Private Life of Sherlock Holmes etwas anfangen, obwohl der (völlig Wilder-untypisch) gravierende Schwächen im Drehbuch aufweist.

Seine Noirs faszinieren mich auf einer Ebene, die seine Komödien aufgrund der Genrekonventionen nicht erreichen kann. Und insofern hat Rudi vollkommen Recht: Man sollte die Filme nicht miteinander vergleichen. :-) Ein persönliche Bestenliste darf man aber erstellen, oder? ;-)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Sooo war das auch nicht gemeint. ;) Natürlich darf man das.

TheRudi hat gesagt…

Off-topic: Habe gerade bei MVV deinen Kommentar zu Hot Fuzz gesehen und du hast geschrieben, dass du ihn auch gesehen hast, aber meines Wissens (und ich schaue ja regelmäßig hier vorbei) hast du kein Review dazu verfasst. Läuft dein Blog unter einem speziellen Topic? Reviewst du keine Kinofilme und wenn ja wieso? Fände ich nämlich schade.

Jochen hat gesagt…

Ach, aktuelle Kinofilme reviewen ja schon so viele Blogger. Da suche ich mir lieber einen Highway, der nicht so befahren ist. Es gibt schließlich genügend gute Filme, die wenig oder gar nicht besprochen werden. Spiele allerdings mit dem Gedanken, in der nächsten Woche einen FFF-Ticker zu schreiben. Und meine Meinung zu aktuellen Kinofilmen kann ich ja auch so als Kommentar in deinem, Grammatons oder MVVs Blog loswerden :-) Außerdem stelle ich gelegentlich DVDs aktueller Filme vor, insofern rezensiere ich nicht nur alte Schinken wie die wundervollen Noirs ;-)

TheRudi hat gesagt…

Mhm, ja, na gut, stimmt natürlich auch wieder, ist aber dennoch schade *g*. Wenn man sich Timo's Seite durchliest, könnte man glatt meinen, 85% des diesjährigen FFF wären große Klasse. Hatte leider nicht das Geld, um dies herauszufinden, kann aber wirklich nur jedem The Girl (...) ans Herz legen (also auch dir). Viel Spaß auf jeden Fall dann dort!

Jochen hat gesagt…

Ich freu mich auch schon :-) Habe meine Karten gestern besorgt. "The Girl who leapt through time" ist jedoch nicht dabei. Bin erstens kein großer Asia-Film-Fan und zweitens kein großer Anime-Fan. Sorry. Das wird erst auf DVD etwas werden. Hab nur einen Focus Asia Film im Programm, den neuen Park Chan-wook. Besonders freue ich mich auf den neuen Frederic Schoendorffer: TRUANDS aka 'Crime Insiders', obwohl mich das dumpfe Gefühl beschleicht, dass der nicht so poetisch erzählt sein könnte wie seine letzten zwei Filme...warten wir's ab...:-)

TheRudi hat gesagt…

Hier tut sich immer so selten was *buhu* - schreib doch mal ein Review zu BLACK DAHLIA ;)

Dann schau ich mir den vielleicht sogar mal an, auch wenn sie wohl äußerst subjektiv ausfallen wird. Interessieren tut es mich dennoch.

Jochen hat gesagt…

Hab gerade einen "Glorreichen 7"-Beitrag veröffentlicht. Das sind immer die aufwendigsten Posts.

Und Black Dahlia? Hey, die hab ich doch superausführlich besprochen oder war das irgendwie ironisch gemeint? ;-)

TheRudi hat gesagt…

Na das ging dann wohl an mir vorbei auf der Linkleiste. Dann les ich mir des glatt mal durch ;)