Dienstag, Juli 03, 2007

Filmtipp: Sideways

If anybody orders Merlot, I'm leaving. I'm not drinking any fucking Merlot!

Auch wenn das gegenwärtige Wetter nicht davon zeugt: Es ist Sommer. Die Zeit, in der Kinobesucher gern das Hirn abschalten, um sich Blockbuster anzusehen. Die Zeit leichter Unterhaltung. Die Zeit lauer Nächte, in denen man einen guten Tropfen Wein kredenzen kann. Zu Sideways empfehle ich einen Pinot Noir - habe den Film bereits mehrmals in Kombination mit einer solchen Flasche verschenkt. Bislang gab es keine Beschwerden. Das Hirn sollte man bei Sideways allerdings angeschaltet lassen.

Sideways beginnt und endet mit dem Klopfen an eine Tür. Immer wieder spielt die soziale Norm des Anklopfens (und in einer Schlüsselszene das Umgehen eben dieser Verhaltensregel) eine Rolle im Film. Mehrfach lässt das Klopfgeräusch die Hauptfigur, den Englischlehrer und unpublizierten Romancier Miles (Paul Giamatti), aus dem alkoholseligen Schlaf fahren. Den einwöchigen Urlaub, den Miles mit seinem einstigen Collegekumpel Jack (Thomas Haden Church) antritt, hat er sich anders vorgestellt: Anstatt lediglich entspannt die Weingüter Kaliforniens zu testen, ein paar Golfbälle über die Wiesen zu dreschen und sich fröhlich durch die Karten der Restaurants zu arbeiten, nervt Jack ihn mit seinem Drang für amouröse Abenteuer.

Es ist der Gegensatz der zwei Hauptfiguren, dem Sideways seinen Charme verdankt. Während Jack zu Miles' Entsetzen einen 1992er Byron notfalls auch lauwarm bechert, ist Miles zu Jacks Entsetzen auch zwei Jahre nach seiner Scheidung noch immer solo und jammert selbstmitleidig seiner Verflossenen nach. Dabei ist die attraktive Maya (zum Verlieben: Virginia Madsen) an dem introvertierten Weinkenner und Pinot-Noir-Liebhaber durchaus interessiert. Und Jack spielt mittlerweile mit dem Gedanken, seine unmittelbar bevorstehende Hochzeit abzublasen, weil er eine "tief gehende" Nacht mit Stephanie (Sandra Oh) verbracht hat.


In Sideways findet Regisseur Alexander Payne exakt den sanft-melancholischen Ton, den die Story benötigt. Paynes frühere Filme leiden oft an einem unterkühlten Blick auf die Charaktere. Dort stellt er sich über die Figuren, anstatt auf Augenhöhe zu bleiben und untergräbt so den bissig-satirischen Humor, der so typisch für ihn ist. Insbesondere Citizen Ruth kämpft mit diesem dramaturgischen Problem. Aber auch in Election kommen sich Figuren und Paynes satirischer Ansatz mitunter in die Quere. Bei About Schmidt war er ganz nah dran. Und in Sideways hat er schließlich die perfekte Balance gefunden. Man merkt: Payne mag diese zwei Freunde und erfreut sich an der Dynamik, die sich aus ihrer Gegensätzlichkeit ergibt. Sideways scheint deshalb auch mit viel leichterer Hand inszeniert zu sein als Paynes vorige Filme. Sideways wirkt unverkrampft und unangestrengt auf allen Ebenen.

Hierzu trägt der jazzige Score von Rolfe Kent maßgeblich bei. Nie spielt sich die Musik selbstzweckhaft in den Vordergrund, schweigt sogar ganz in ernsten Momenten. Ohnehin ist Sideways trotz seines melodramatischen Themenfeldes zu keinem Zeitpunkt pathetisch. Die Figuren lassen sich nicht in die typischen Verhaltensmuster einschlägiger Hollywoodkomödien zwängen, was dem Film eine Frische verleiht, nach der man in diesem Genre lange suchen muss.

Der Gegensatz zwischen dem schwermütigen Miles und dem notgeilen Jack ist Dreh- und Angelpunkt der Komödie. Die Chemie zwischen Giamatti und Haden Church könnte besser nicht sein.

Die warme Farbgebung der Bilder und die überwiegend weiche Beleuchtung erzeugen eine Urlaubsstimmung, der ich jedes Mal aufs Neue erliege. Selbst wenn sich Payne des Öfteren bei der Werbeästhetik bedient, passt das wunderbar zu Stimmung und Thema - etwa als die zwei Pärchen eine Tour durch eine Winzerei machen und Payne Weinlager und anschließendes Picknick in rötlichbraune Farben taucht, so dass man unweigerlich an einige Whiskeywerbeclips erinnert wird.

Besonders beeindrucken mich Kameraführung und Schnitt, als Miles sich beim ersten Date mit Maya betrinkt, zum Telefon torkelt und seine Ex-Frau anruft: Payne kombiniert hier Unschärfe, extreme Nahaufnahmen von Miles' Kopf und unnatürliche Rahmungen, um dem Zuschauer Miles' Trunkenheit zu suggerieren. Das funktioniert fantastisch - ein Durchschnittsregisseur hätte vermutlich eine wacklige Handkamera zum Einsatz gebracht. Payne vermeidet dieses visuelle Klischee und erzählt diesen Moment sogar leicht unchronologisch - der Zuschauer weiß auf diese Weise, was sich in Miles' Kopf abspielt, noch während er am Tisch sitzt. Großartig!


Über die außergewöhnlichen Schauspielleistungen muss ich kaum ein Wort verlieren. Dass Giamatti 2005 für den Oscar nicht einmal nominiert wurde, gleicht einem Skandal. Im Grunde hätte das gesamte Ensemble einen Oscar verdient.

Für mich ist dieses Buddy-Movie der beste Film dieses noch jungen Jahrtausends. Warum? Weil er mich auf allen Ebenen überzeugt. Weil er eine Atmosphäre schafft, in die ich mich immer wieder gerne fallen lasse. Und weil Pinot Noir am besten schmeckt, wenn man ihn zu diesem Film trinkt.

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Du hast es (endlich) geschafft! Sehr sehr schöne Analyse (auch wenn meine dünner ausgefallen war), ich kann in all dein Lob nur einstimmen, ein wirklich exzellenter Film, bei dem einfach alles stimmt. Abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass ich immer Rosé zu ihm zu trinken pflege und keinen Pinot Noir - werde ich beim nächsten Mal (wenn ich es nicht vergesse) jedoch nachholen.

Jochen hat gesagt…

Vielen Dank. Und ich kann Pinot Noir nur empfehlen. Hab ein Badisches Weingut entdeckt, bei dem man für verhältnismäßig wenig Geld, einen ordentlichen Pinot bekommt. :-)

TheRudi hat gesagt…

Dann rück mal mit dem Namen her ;-)

Jochen hat gesagt…

Schreib mal ne Mail an meine im Profil angegebene Adresse - will hier keine Werbung lancieren ;-)

TheRudi hat gesagt…

Danke nochmals für den Tipp, heute bereits bei ebay zusgeschlagen und den Noir für 21,35€ inkl. Versand bekommen ;)

Jochen hat gesagt…

Glückwunsch! Da hast du ja ein echtes Schnäppchen gemacht...lass mich wissen, wie er dir schmeckt, wenn du ihn probiert hast! Tipp: Eine Stunde vorm Trinken die Flasche öffnen, aber das weißt su ja auch aus Sideways ;-)

TheRudi hat gesagt…

Andere Frage, du hast ja play.com Erfahrung, verschippen die auch nach "Europa" (sprich Old Europe, a.k.a. Krautland) versandskostenfrei oder nur in England/GBR?

Jochen hat gesagt…

Sorry, für die lange Beantwortungszeit. War 10 Tage im Urlaub :-)

Ja. Play liefert auch nach Germanien versandkostenfrei. :-)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Endlich bist du wieder da. ;)

Wo ging's denn hin?

Jochen hat gesagt…

Danke. :-)

Hab einen Freund in Cagliari (Sardinien) besucht. Viel Sonne und Strand also, während es hier überwiegend regnete :-)

TheRudi hat gesagt…

Scheinst das gute Wetter ja mitgebracht zu haben ;)

TheRudi hat gesagt…

So, hab ihn jetzt gekostet, den Pinot Noir (2005 feinherb). Eine Stunde atmen lassen und dann ging es los. Da es mein erster Pinot Noir war kann ich ihn als solchen schwer einordnen, er war wie du erwähnt hattest etwas säuerlich - aber das war nicht störend. Er hat jedoch etwas wässrig geschmeckt, also ich fand ich nicht schlecht, hatte mich aber überrascht.

Jochen hat gesagt…

"Sauer und wässerig" - was??? ;-)
Also ich finde ihn angenehm leicht, trocken (obwohl er dieses fälschliche "feinherb"-Label trägt) und blumig. Aber über Geschmäcker...
Ist natürlich kein Spitzenwein, aber bei dem Preis darf man nicht meckern...vielleicht schmeckt dir die nächste Flasche ja besser, wenn du weißt, was dich erwartet...

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

So ... finally ... gestern gesehen.

Ich zitiere mal Thomas Groh aus der filmzentrale:

"Gerade in dieser Versöhnlichkeit, in die der Film immer wieder, nachdem er manche menschliche Verfehlung bis zur Grenze an die physische Nachempfindbarkeit durchdekliniert hat, liegt letzten Endes auch seine Schwäche, die in der allgemein jubilatorisch ausgefallenen Kritik gerne unterschlagen wird: Er macht den Zuschauer zum Komplizen, bis dahin sogar – und das ist durchaus gruselig -, dass er Jacks Lebenswandel und dessen Konsequenzen derart mit Lust aufbauscht, dass sich regelrechte Rachegelüste einstellen, die auch prompt bedient werden, wenn er nun endlich, ja endlich seinen nicht zu knapp ausfallenden Rüffel erhält, unter johlendem Applaus des Publikums, versteht sich (und ich nehme mich da gar nicht aus). [...] Fernerhin gibt es selbstredend auch Momente, die bezaubern, nett anzusehen sind. Dass der Film dabei nie, in welche Richtung auch immer, konsequent bleibt, dass er den Kuchen essen und behalten will, ist indes ein trauriges Indiz für die, letzten Endes, Durchkalkuliertheit eines Films, der ganz offensichtlich mit Blick auf den Goldjungen hininszeniert wurde, zu Lasten anderer Ambitionen, leider."

Zumindest ein interessanter Ansatz. Was glaubst du wie ich SIDEWAYS fand? ;)

Jochen hat gesagt…

Was glaubst du wie ich SIDEWAYS fand? ;)

Wohl nicht so toll wie ich ;-) Grohs Kritik ist auf kognitiver Ebene bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Affektiv ändert das meine Sicht auf den Film keinen Deut.

Da du mit Buddyfilmen ein Problem hast, was sich m. E. aus deiner sexuellen Ausrichtung ergibt, wirst du wohl auch an diesem Film keine Freude gehabt haben. Ich kann für dich nur hoffen, dass, sollte es tatsächlich zu LETHAL WEAPON 5 kommen, du endlich deine ersehnte Bettszene zwischen Ricks und Murtaugh serviert bekommen wirst ;-)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Ha! So viel zum Thema Vorurteile.

Habe den gar nicht so stark als Buddy-Film wahrgenommen (auch wenn er das zweifellos ist), sondern als lakonische Außenseiter-Ballade, die immer und in jeder Szene den richtigen Ton trifft. Ja, ich fand SIDEWAYS absolut großartig und ganz umwerfend inszeniert.

Bätsch.

Jochen hat gesagt…

Warum scheisst du dann hier mit einem mittelschweren Verriss um dich? Doch nur um mich zu einer solchen Aussage zu provozieren!

Aber es freut mich in der Tat, dass er dir gefallen hat. Darf man in näherer Zukunft mit einer Rezi rechnen?

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Tja, hat ja funktioniert. Dein Kommentar sprach Bände... ;)

Wohl eher nicht, zu dem Film ist schon viel geschrieben worden. Im Moment glaube ich keinen Ansatz zu haben, der jetzt neu oder besonders interessant wäre.

Jochen hat gesagt…

Schade!

Übrigens wollte ich oben "schmeisst" schreiben - war wohl ein freudscher Tippfehler ;-)