Dienstag, August 28, 2007

Filmtipp: Blast of Silence

Blast of Silence ist ein Geheimtipp, ein kleines, sehr cooles Juwel aus dem Jahre 1961. Kaum jemand kennt den Film, was wohl daran liegt, dass kein einigermaßen bekannter Darsteller mitspielt, der Regisseur Allen Baron überwiegend fürs Fernsehen gearbeitet hat und der Verleih stets davon überzeugt war, mit diesem Gangsterstreifen kein Geld verdienen zu können.

Blast of Silence beginnt mit einer atemberaubenden Geburtsszene: Das Bild ist schwarz, es rattert ein Zug, eine raue Voiceoverstimme sagt: "Remembering out of the black silence you were born in pain", eine Frau stöhnt in Schmerzen, schreit dann, VO: "Easy, easy does it little mother. You never lost a father. Your job is done little mother", das Klatschen einer Hand auf einen Rücken, ein Baby schreit, in der Ferne erkennen wir in grellem Weiß den Ausgang eines Tunnels. Kurz bevor der Zug den Tunnel verlässt und der Titelschriftzug eingeblendet wird, erklärt uns der Sprecher: "Later you learned to hold back the scream and let out the hate and anger another way." - Frankie Bono (Allen Baron) heißt unser italoamerikanische Antiheld. Ein Hitman im weihnachtlichen Manhattan, der bevor er seinen Auftrag ausführen kann, noch Zeit totschlagen muss. Immer wieder wird uns aus dem Voiceover versichert, wie sehr Frankie seine Einsamkeit schätze, wie viel Hass in ihm lodere und dass dies auch gut so sei. Doch Frankies Werben um eine alte Freundin (Molly McCarthy), der er durch Zufall begegnet, sein Anruf beim Auftraggeber, die Mission doch besser abzublasen (Frankie musste nämlich unvorhergesehen einen Waffenhändler mit einer Feueraxt verstümmeln und erwürgen und wird nun polizeilich gesucht): All dies widerspricht den im rasanten Stile der Beat-Poeten vorgetragenen Aussagen des Erzählers.

Ist Blast of Silence ein Film noir? Streng genommen ist er es nicht, da Orson Welles drei Jahre zuvor erschienener Touch of Evil allgemein als Endpunkt der schwarzen Serie gilt. Dennoch: Es lässt sich nicht leugnen, dass Blast of Silence sowohl thematisch als auch visuell eindeutig in der Tradition der Noirs steht. Die düstere, bedrohlich wirkende, winterlich-kalte Stadt, in der sich die Handlung vollzieht, die getriebene Hauptfigur, die erst innerlich und am Ende auch äußerlich gnadenlos zermalmt wird, die an die Grenzen des Möglichen gehende Beleuchtung: All das weist auf einen lupenreinen Film noir hin. Dieses Low-Budget-Vergnügen kann also als einer der ersten Neo-Noirs oder aber als Nachzügler der klassischen Serie angesehen werden. Blast of Silence ist ein Grenzgänger - noch verwurzelt in der dokumentationsnahen Ästhetik eines Anthony Mann und weit entfernt vom Stile der großen Neo-Noirs der 70er-Jahre wie Chinatown oder Taxi Driver.

Viel interessanter als die Frage nach der Genrezugehörigkeit scheint mir jedoch der Einfluss auf eben jene Folgegeneration von Filmemachern und insbesondere Martin Scorsese zu sein. Nicht nur stehen in Blast of Silence wie bei Scorsese italoamerikanische Gangster samt ihren verkorksten Moralvorstellungen im Mittelpunkt. Auch viele der Motive und Bilder aus Blast of Silence erinnern an dessen Werke: Sei es der schmierige Waffenhändler, der Käfige voller Ratten hält (vgl. Mean Streets), sei es die Silhouette Frankies, die sich durch die Häuserschluchten windet (vgl. Taxi Driver) oder das Ende der Hauptfigur am Flussufer (vgl. Cape Fear). Und es ist unmöglich, während der Whacking-Sequenz, bei der Frankie über das Dach flüchtet, nicht an The Godfather: Part II zu denken.

Bilder, die an die Filme Scorseses erinnern.

Blast of Silence ist geradliniger, grober und realistischer als die Noirs der 40er. Er vereint Dokumentationselemente mit dem authentischen Spiel von Laiendarstellern. Streckenweise wirkt das nahezu naturalistisch und lässt Assoziationen zu den Filmen eines John Cassavates aufkommen. Jedoch erzeugen sowohl die Musik, die hauptsächlich aus zeitgemäßen Jazzbegleitungen besteht, als auch der sich sehr häufig einschaltende Voiceover-Erzähler eine gewisse Distanz, die Blast of Silence von einer reinen Dokumentationsästhetik abhebt.

Ein vergessener, ungemütlicher, packender Noir, dessen starker Einfluss auf die nächste Generation von Filmemachern unverkennbar ist.

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Das ist ja alles schön und gut, aber der kostet dennoch 22€ und das ist mir dann zum Kaufen doch zu teuer :)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Ein guter Tipp, hatte ich fast schon wieder vergessen, den erwähntest du ja beim Treffen. Wird vorgemerkt, danke.

Jochen hat gesagt…

@ Rudi

Du musst nur eine gut ausgestattete Bibliothek oder Videothek finden. Das löst das Problem schnell und preiswert :-)

@ MVV

Bekommst du in der AGB, da kannst du ihn auch online vormerken ;-) Oder meintest du das sogar mit "vormerken"?

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Nee, wenn kaufe ich den sowieso gleich. ;)

(nicht dass ich Geld hätte, aber ich bin DVD-sammel-süchtig *g*)

Jochen hat gesagt…

Die Sucht kommt mir irgenwie bekannt vor ;-) Aber jetzt, wo du gute Kontakte zu "M sucht Film" hast, bekommst du den sicherlich preiwerter als das gewöhnliche Volk :-)