Mittwoch, Juni 06, 2007

Film noirs in Kürze: Zwei Privatschnüffler

The Maltese Falcon: Hier kommen wir zu einer der größten Enttäuschungen, die ich im Laufe meiner Noir-Sichtungen erfahren habe. Mit etlichen Vorschusslorbeeren bedacht, gilt dieses Frühwerk aus dem Jahr 1941 als eines der besten Werke der schwarzen Serie. Viele Noir-Fans halten ihn gar für den größten Film, den diese Epoche hervorgebracht hat. Ich zähle nicht zu diesen Stimmen. Sicherlich: Die bereits dritte Verfilmung von Dashiell Hammetts Groschenroman ist die filmisch anspruchsvollste, schauspielerisch ausgereifteste, kurz: künstlerisch gelungenste. Regisseur John Huston entlockt dem Stoff die Untertöne, die in den zwei vorangegangenen Fassungen ignoriert wurden. Dennoch: Würde ein solch selbstverliebtes Drehbuch, das mit seinen unzähligen 'Twists and Turns' den Zuschauer aus purer Zeitschinderei über weite Strecken an der Nase herumführt, heute verfilmt, es würde vom Großteil der Kritik zerfetzt werden. Und zwar zurecht! Denn etwas anderes als eine Fingerübung in der Kunst des verschachtelten Erzählens, ist The Maltese Falcon handlungsstrukturell gewiss nicht. Die artifiziellen Dialoge verbunden mit Bogarts präzisem Schauspiel sowie die Leistungen der Nebendarsteller (Peter Lorre und Sydney Greenstreet sind hier insbesondere hervorzuheben) lassen die Geschichte um den wahrscheinlich bekanntesten MacGuffin der Filmgeschichte, den Malteser Falken, noch zu einem durchaus sehenswerten Krimi werden, dessen Einfluss auf spätere Noirs ich gar nicht in Abrede stellen will. Ein Meisterwerk ist The Maltese Falcon entgegen landläufiger Meinung allerdings nicht.
68 Punkte
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Kiss Me Deadly: Ist Humphrey Bogarts Sam Spade gewissermaßen der Prototyp des Privatdetektivs zu Beginn der Noir-Ära, stellt Ralph Meekers Mike Hammer den Endpunkt dar. Sam Spade war ein wendiger Denker, Hammer ist ein eitler Egoist und Zyniker, der das Denken den Anderen überlässt. - Eines Nachts rennt Hammer eine aus einem Irrenhaus Geflüchtete vor seinen Sportwagen. Er nimmt sie mit, deckt sie vor der Polizei und wird schließlich von finsteren Gestalten überwältigt, die das Mädchen erst foltern und töten, dann die Leiche und den narkotisierten Hammer in seinem Jaguar einen Abhang herunterrollen lassen. Wie durch ein Wunder überlebt Hammer und setzt nun alles daran, den Grund für die grausame Tat herauszufinden. - Kiss Me Deadly von Robert Aldrich ist ein Feuerwerk für die Sinne. Das beginnt mit der schnellen, unerwartet actionreichen Pre-Credit-Sequenz und setzt sich durch ein hohes Erzähltempo sowie den ausgiebigen Einsatz von Gewalt fort. Rattennest (deutscher Titel) ist bis heute mit einem FSK-18-Siegel versehen, etwas, das man von einem Fünfzigerjahrefilm nicht unbedingt erwartet. Mike Hammer ist ein Vorläufer moderner Actionhelden. Ein Narzisst, der keinerlei Interesse an Kunst und Kultur pflegt, dafür auf schnelle Autos und schöne Frauen abfährt und beide für seine Zwecke zu benutzen versteht. Die geheimnisvolle Kiste, die hier eine Zeitlang als MacGuffin fungiert, stellt eine reale und zeitgemäße Bedrohung dar - der Malteser Falke war nicht bedrohlich, bei ihm ging die Gefahr nur von den Mächten, die um ihn kämpften, aus. Mit Kiss Me Deadly ist der Film noir auf allen Ebenen drastischer, brutaler und schonungsloser geworden. Ein Reflex auf die Nachkriegszeit?
76 Punkte.

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Stimme dir zum Malteser Falken zu, hatte durch seinen Ruf am Ende dann auch mehr erwartet, aber ein richtiges Meisterwerk ist er dann doch nicht für mich.

Jochen hat gesagt…

Yep, er ist eindeutig überbewertet. Schade, dass MVV gerade keinen Internetzugang hat, denn ich habe den leisen Verdacht, dass er das anders sieht :-)

TheRudi hat gesagt…

Reviewst du die ganzen Filme eigentlich grad aus deiner Erinnerung und machst du einen Film Noir Marathon?

Jochen hat gesagt…

Beides! Aber ich habe alle Filme in den letzten sechs Monaten gesehen. Als ich mit der Rubrik anfing, war ich bei etwa 20 Noirs und wollte bei ca. 30 Schluss machen. Doch jetzt bin ich bei 37 und es liegen noch etliche ungesehene bei mir rum, d. h. es werden wohl doch mehr als ursprünglich geplant. Ich schätze so 50-60...

TheRudi hat gesagt…

und wie werden die punkte vergeben? in zehner kategorien, also kategorien mit punkten von 1-10 und dann addieren sich die punkte in den kategorien?

Jochen hat gesagt…

Eigentlich wollte ich die klassische 0-10 Punkteskala verwenden, doch da hätten die meisten Filme von mir 7 Punkte bekommen. So wäre eine Punktvergabe also unnütz gewesen. Die 100-Punkte-Skala erlaubt mir, die Filme in eine Reihenfolge zu bringen (wobei mittlerweile auch einige die gleiche Punktzahl haben). So kann ich am Ende eine "Bestenliste" posten :-)

TheRudi hat gesagt…

Da hast ja mit 37 grad mal die Hälfte hinter dir...gehen dir die ganzen Noirs nicht langsam auf die Nerven? Also wenn ich mir bsp. 40 Sportfilme anschauen würde, täte ich durchdrehen :D

Jochen hat gesagt…

Also die Hälfte habe ich deutlich hinter mir - das Schöne an den Noirs ist aber gerade, dass sie nicht zwangsläufig identisch sind. Die Themen variieren schon gewaltig. Und die immer wiederkehrenden Motive und Versatzstücke mag ich ja, insofern bin ich nicht gelangweilt. Das schlägt sich, glaube ich, auch in meiner "fairen" Bewertung nieder :-)