Montag, Dezember 25, 2006

DVD: Clerks II

Clerks II ist vor kurzem in den USA auf DVD erschienen. Doch für Deutschland steht noch nicht einmal ein Kino-Starttermin fest. Das hat mittlerweile leider fast schon Tradition bei Kevin Smith Filmen.

Meine erste Reaktion, nachdem ich vor etwa anderthalb Jahren von dem geplanten Sequel erfuhr, war negativ. Warum ein preisgekröntes Meisterwerk fortsetzen? Und wovon sollte der Film bitteschön handeln? Hatte nicht der erste Teil das Leben der zwei Quick-Stop-Slacker Dante und Randal gründlich genug ausgeleuchtet? Und suggerierte das Ende von Jay and Silent Bob Strike Back, in dem Gott (Alanis Morissette) das View Askewniverse-Buch zuschlägt und vergnügt von dannen tanzt, nicht auch das Ende eben jenen Filmuniversums? - Wie Kevin Smith in der Doku Back to Well: Clerks II erklärt, habe Gott das Buch zwar zugeschlagen, jedoch habe sich darin ein Lesezeichen befunden und man habe deutlich erkennen können, dass sich noch einige Seiten hinter eben jenem Lesezeichen befinden. Smith fügt grinsend hinzu: Diese Seiten beinhalten Clerks II!

Clerks II greift das Leben der zwei Ladenhüter Dante (Brian O'Halloran) und Randal (Jeff Anderson) gut zehn Jahre nach Clerks wieder auf. Die zwei sind nun Anfang dreißig. Ihr Leben hat sich aber bislang nicht großartig verändert. Sie arbeiten jetzt für die Fastfoodkette Mooby's, während sie weiterhin unverdrossen pseudophilosophische Gespräche über die Lord of the Rings Trilogie, ungewöhnliche Sexualpraktiken und ihr Leben führen. - Doch ein Ende ist absehbar, denn Dante hat sich mit der herrschsüchtigen Blondine Emma (Jennifer Schwalbach) verlobt und will mit ihr nach Florida ziehen. Randal missfällt das gewaltig. Zudem besteht ein mehr als freundschaftliches Verhältnis zwischen Dante und seiner Vorgesetzten Becky (Rosario Dawson). Entlang dieser Reibungspunkte entfaltet sich die Handlung.

Was diesen Film ebenso großartig macht wie seinen No-Budget Vorläufer sind die Dialoge. Ich bin absolut kein Freund von dialoglastigen Filmen, denn Gespräche widersprechen der Natur von Film. Doch es gibt Ausnahmen. Wenn die Dialoge witzig, spritzig und tiefgründig sind, haben sie auch in einem derartigen Ausmaß Berechtigung. Neben Quentin Tarantino ist Kevin Smith in meinen Augen der begnadetste Autor pointierter Wortgefechte. Und wenn in Clerks II über solch obszöne Dinge wie "ass to mouth", "interspecies erotica", "large clits" und "porch monkeys" lamentiert und gestritten wird, ist das niemals nur oberflächlich lustig, sondern verhandelt gleichzeitig auch immer unsere Wertvorstellungen und Normen von Dingen wie Sexualität, Gleichberechtigung, Rassismus, Political Correctness und Religion. Die Dialoge wären allerdings nicht halb so humorvoll, würden sie nicht bravourös gesprochen. Lässt Samuel L. Jackson Tarantinos Worte zu Musik werden, ist es in den Clerks-Filmen insbesondere Jeff Anderson, der seinen Monologen, die ihm Smith in den Mund legt, trotz der meist vulgären Inhalte schöne Klänge abgewinnt.

Schwarzweißbild oben: Die Ladenhüter 1994. Dieses Bild zeigt sie heute.

Zur DVD:

Zunächst ist man natürlich darüber überrascht, dass Clerks II ein Farbfilm ist. Vom grobkörnigen Schwarzweiß hat man Abschied genommen. Mir hat das schon deshalb gefallen, weil es die zeitliche und räumliche Distanz zum ersten Teil optisch deutlich unterstreicht. Und wenn Smith in der letzten Szene des Films wieder ins Schwarzweiße wechselt, ergibt das stilistisch Sinn. Jedoch hat mich die Qualität des Bildes enttäuscht. Die Farben wirken relativ entsättigt. Das fällt besonders in der Musicalszene auf, die in kräftigen Farben gehalten ist. Nach meinem Dafürhalten hätte sich der gesamte Film in diesen volleren Farben abspielen können. Auch die Detailschärfe hat mich nicht überzeugt. Vor kurzem habe ich zur Einstimmung Jay and Silent Bob Strike Back gesehen - dort ist das Bild meines Erachtens detailreicher. Wie man auf der 1. Kommentarspur der DVD, dem "technical commentary", erfährt, war das jedoch Smiths Absicht. Er wollte in Clerks II optisch einen Lebensraum schaffen, der einen bewohnten Eindruck macht. Es sei überhaupt sein erster Film gewesen, bei dem es eine Grundsatzdiskussion über das visuelle Erscheinungsbild gegeben hätte: Im Gegensatz zu Kameramann David Klein wollte Smith ursprünglich das Medium nehmen, welches heute dem preiswerten 16mm-Film von 1994 entsprechen würde: HDV. Doch Klein überzeugte Smith schließlich, den Film auf 35mm zu drehen.

Der Ton ist großartig. Bombastische Soundeffekte wie in Jay and Silent Bob Strike Back bietet die Handlung hier zwar nicht an. Die Dialoge sind jedoch stets gut verständlich und gleichmäßig laut abgemischt, was bei einem solch dialoglastigen Film von enormer Wichtigkeit ist. Und soweit es das Geschehen der Szene zulässt, entsteht auch ein räumlicher Klangeindruck: Das Öffnen und Schließen des Mooby's-Eingangs ist beispielsweise mit einem Muuh-Soundeffekt unterlegt und spiegelt den jeweiligen Blickwinkel der Kamera auch akustisch wider. Abgesehen von solchen netten Kleinigkeiten bleiben die Surroundkanäle allerdings die meiste Zeit stumm.

Im Zeitalter der Special-, Limited-, Ultimate-, Golden- und Collector's Editions ist es erfrischend, dass die Clerks II 2-Disc Edition auf solche -mittlerweile nichtssagenden- Untertitel verzichtet.

Auf Disc 1 befinden sich insgesamt drei Kommentarspuren:

Ein rein technischer Commentary mit Smith, Mosier (Produzent) und Klein (Kamera), der sich ausschließlich mit der technischen Seite der Produktion auseinandersetzt und wie eine Art Einführungskurs ins Filmemachen wirkt.

Für die Party-Commentarytracks (Smith, Mosier, Anderson, Fehrman, Mewes, O'Halloran und Schwalbach), die streckenweise ebenso witzig sein können wie der Film, sind die Smith-DVDs bekannt.

Ein Podcast-Track mit Smith, Mosier und Anderson (Randal), den man schon während des Kino-Releases aus dem Netz ziehen konnte, um ihn mit seinem iPod im Kino zu hören, ist die insgesamt vierte Audiospur auf der DVD. Geniale Idee, wie ich finde - ich bin gespannt, ob das zur Nachahmung anregt.

Außerdem auf Disc 1: Gut 30 Minuten an Deleted Scenes von unterschiedlicher Qualität. Einige sind schwach, andere aberwitzig. Eine fakultative Einführung in die Deleted Scenes und ein genauerer Blick auf "Interpecies Erotica" runden die Extras ab.

Menü auf Disc 2

Disc 2: Der Kracher der Special Features ist die knapp anderthalbstündige Dokumentation Back to the Well: Clerks II. Hier erfährt man so gut wie alles über die Entstehung von Clerks II. Von den ersten Ideen 2001 bis zum Kinostart 2006: Warum Smith The Green Hornet nicht drehen wollte, wie schwer es war, Anderson von einem zweiten Teil zu überzeugen, wie sich die Proben und Dreharbeiten, Schnitt und Soundeffektmischung gestalteten, wie die Komödie in Cannes aufgenommen wurde und mit welch einem Engagement Smith während des Kino-Releases die Werbetrommel rührte. Und das, was man noch nicht in dieser Doku erfahren hat, bekommt man im zehnteiligen Produktions-Videotagebuch mitgeteilt. Ferner befinden sich noch eine 27-minütige Blooper-Reel, ein Soundtrack-Promo und ein Easter Egg (Mooby-Kuhkopf zwischen Randal und Dante auswählen!) auf der Scheibe.

Fazit: Die beste Komödie des Jahres in einem atemberaubend vollgepackten DVD-Release. Was will man mehr?

Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Yeah! Du sprichst mir aus der Seele. War auch ziemlich skeptisch als ich vom Sequel erfuhr und dachte mir nur "Oh mein Gott, warum zerstört Smith sein Meisterwerk?", war dann aber sehr positiv überrascht. Vor allem hat mich neben Jeff Anderson die neue Figur des Elias (brilliant gespielt von Trevor Fehrmann) begeistert und als Star Wars Fan insbesondere die Szene mit Jason Lee, aber auch die porch monkey Szene war köstlich. Alles in allem ein sehr stimmiger Film und eine deutliche Verbesserung zu Smith's Vorgänger Jersey Girl.

Jochen hat gesagt…

Ja, Clerks 2 gehört zum Besten aus Smiths Jerseyuniversum. Es ist schon eine Schande, dass er für Deutschland noch immer keinen Starttermin hat! Andererseits: Clerks 2 lässt sich im Grunde nicht synchronisieren. Der müsste untertitelt anlaufen und das wäre sicherlich nicht geschäftsfördernd.

Traurig aber wahr: Den einzigen KS-Film, den ich im Kino genießen konnte, war Chasing Amy. Da Smith allerings kein Bilderstürmer ist, verlieren seine Filme nicht viel, wenn man sie im Heimkino guckt....

TheRudi hat gesagt…

Eigentlich glaube ich, dass sie sogar erst durch das Heimkino richtig "klasse" werden. Also einen Film wie Clerks auf einer riesigen Kinoleinwand kann ich mir schwerlich vorstellen, da find ich das ganze zu Hause auf der Couch mit einem Bier doch bequemer.

Jochen hat gesagt…

Ja, das Heimkino birgt auch gewisse Vorteile: Bequeme Sitze, Erfrischungsgetränke, die Pausetaste etc., aber ein wahrhaft gemeinschaftliches Erlebnis wie im Kino ist nicht möglich (es sei denn man hat einen riesigen Heimkinokeller und lässt auch Fremde mitgucken ;-)

Eric C. Späte hat gesagt…

Gute Einschätzung von Clerks 2 - gut geschrieben.

Die Kevin Smith Filme sind wie alle echten Kultfilme hauptsächlich Video und DVD Filme. Die Fans besitzen die Bildträger und geben sie an Freunde weiter: "SChau dir den mal an, ist echt gut." Dadurch vervielfacht sich nach und nach die Zahl der Inifzierten. Obwohl ich keinen Videorecorder mehr habe, habe ich jetzt noch Reue mein CLERKS Originalvideo (englisch mit dt. Subs) in den Müll zu hauen. Damit begann für mich damals die Sucht. Mittlerweile habe ich natürlich alles auf DVD.

Eric von www.Film-Gera.de

Jochen hat gesagt…

Da hast du vermutlich Recht. Mundpropaganda hilft Kevin Smiths Filmen sehr. Ich habe mir Clerks seinerzeit kurz nach Erscheinung des UK-Videos aus einer englischen Videothek in Berlin ausgeliehen. Hab ihn nie mit deutschen Untertiteln gesehen. Halte das Untertiteln aber für die beste Möglichkeit, Smiths Filmen gerecht zu werden. Tja, und von meinen wertlosen Videos kann ich mich auch nicht trennen...:-)

Finde es übrigens toll, dass Clerks 2 jetzt doch noch ein deutscher Kinostart zuteil wurde...