Sonntag, April 15, 2012

Short Cuts #17


Müsste  ich eine Liste der zehn bedeutendsten Filme der 80er Jahre erstellen, Henry – Portrait of a Serial Killer wäre unter ihnen. Obwohl mit einem lachhaft geringen Budget von 100.000 Dollar gedreht, gibt es keinen anderen Film über einen Serienkiller, der gleichermaßen roh wie kraftvoll wirkt – und das nach über 25 Jahren!

Henry beginnt mit einem dynamischen 80’s Synthie-Sound zu den Titeln, um anschließend in einer überaus effektiven Parallelmontage ein Tableau weiblicher Leichen mit dem erbärmlichen Alltag unseres Antihelden Henry zu kontrastieren. Dabei erleben wir Henrys Verbrechen nur auf einer verzerrten Tonspur. Gleichzeitig entfernen wir uns in langsamen Kamerafahrten von den Leichen, sehen dass sie an zumeist idyllischen Orten darauf warten, entdeckt zu werden. Schon die ersten zehn Minuten des Films sind genial: Die Faszination an den – man mag es kaum sagen – überaus kunstvoll arrangierten, entblößten Frauenkörpern wird jäh durch unerwartet harte Schnitte zerstört, die uns in Henrys drögen Alltag verfrachten.

Im Grunde ist das schon der gesamte Film: Die magische Anziehung, die das Leben Henrys auf den Zuschauer hat, schlägt durch seine niederträchtigen Taten wiederholt in Abneigung um. Es ist allein seinem noch widerwärtigerem Sidekick Otis zu verdanken, dass wir uns überhaupt auf ihn einlassen können, in gewissem Maße sogar mit ihm mitfiebern.  

Henry - Portrait of a Serial Killer ist (soweit man das als Europäer beurteilen kann) auch ein authentischer Blick in das Chicagoer Prekariat der 80er Jahre. Michael Rooker berichtete unlängst auf arte über die schwierigen Drehbedingungen in diesem Teil der Stadt.

Für Michael Rooker war das die Rolle seines Lebens. Kaum 30 Jahre alt und relativ unerfahren als Schauspieler eröffnete ihm diese Rolle ein Abonnement auf den Bad Guy in Hollywoodfilmen. Kaum vorstellbar, dass er den abscheulichen Redneck in Mississippi Burning ohne Henry hätte spielen dürfen.

Auch die Metaebene des Films war Mitte der 80er Jahre wegweisend: Henry und Otis nehmen ihre scheußlichen Verbrechen auf Video auf, um sie anschließend mit uns, dem Zuschauer, auf einer Flimmerkiste zu studieren. Ich vermute, Michael Haneke schätzt diesen Film sehr.   

Ob man sich die Blu-ray anschaffen muss, sollte man bereits die DVD besitzen, lässt sich klar beantworten: Ja, wenn man auf die zusätzlichen Special Features scharf ist. Das Bild bleibt der Körnigkeit der 16mm Vorlage glücklicherweise treu.

Kommentare:

Paul hat gesagt…

Schöner "Shortie" zu einem außergewöhnlichen Film. Ist bei mir schon wieder lange her, aber der hat bei mir damals auch einen sehr starken, argen Eindruck gemacht.

Danke für den Link..da seh ich gerade, dass ich diese sicher spannende "Durch die Nacht"-Ausgabe jetzt quasi verpasst habe.. :(

Jochen hat gesagt…

Ja, ein toller Film. Habe ihn zuletzt vor bestimmt 15 Jahren gesehen und war gestern Abend hin und weg!

Du hast noch eine halbe Stunde Zeit, dir die Folge hier anzuschauen:

http://videos.arte.tv/de/videos/durch_die_nacht_mit_-6571688.html

Ansonsten gibt's ja immer noch den OTR! :)

Flo Lieb hat gesagt…

Genial ist kein Wort das ich wählen würde, um "Henry" zu beschreiben, wobei ich offen gestanden auch gar nicht mehr weiß, wie ich ihn damals empfand als ich ihn gesehen habe. Aber so euphorisch wie du vermutlich nicht :)

Jochen hat gesagt…

Schau ihn dir noch einmal an, Flo!

Flo Lieb hat gesagt…

Naja, für dich mach ich das vielleicht - aber nur, damit wir bei einem weiteren Film auf keinen gemeinsamen Nenner kommen :D

Flo Lieb hat gesagt…

So, gestern nochmals in den Spieler geworfen. Hat mich alles nicht (so) umgehauen (wie dich). Die Leichen zu Beginn, die lediglich auditiven Morde, der eine aufgezeichnete Mord - versetzte mich nicht in Begeisterung.

Ich empfand den Film als durchschnittlichen Thriller, dem man sein knappes Budget zu jeder Zeit ansieht und der reichlich oberflächlich gerät, insbesondere in seiner klischeehaften Figurenzeichnung.

Jochen hat gesagt…

Das ging ja schnell mit der Zweitsichtung!

"Durchschnittlicher Thriller" ist ein Label, das ich bei Henry nun gar nicht benutzen würde. Der Film ist formal äußerst ungewöhnlich. Und die in einem Thriller normalerweise vorkommenden Suspensemomente gibt es hier nicht. Die Stärke liegt außerdem darin, dass er uns eben KEINE klassischen Psychomonster vorführt, sondern sie eher dokumentarisch in all ihrer Widersprüchlichkeit verfolgt.

die lediglich auditiven Morde

Auch das macht Henry doch gerade NICHT durchschnittlich. Das Nicht-Zeigen der Taten finde ich filmisch interessanter. Und wenn dann in der zweiten Hälfte des Films tatsächlich die Morde gezeigt werden, wirkt das umso unmittelbarer.

versetzte mich nicht in Begeisterung

Begeistert kann man von den herben Taten auch schwerlich sein. Aber filmisch-formal ist das überaus anerkennenswert. Natürlich bemerkt man das geringe Budget, aber das macht den Film ebenso wenig schlecht wie es einen überfinanzierten Michael-Bay-Film automatisch gut werden lässt.

Flo Lieb hat gesagt…

Der Film ist formal äußerst ungewöhnlich.

Mit durchschnittlich meinte ich auch nicht seine Inszenierung, sondern den Unterhaltungswert, das, was mir der Film gab. Das hab ich bei z.B. MR. BROOKS nicht weniger erlebt, beide Filme geben mir gleich viel/wenig.

Das Nicht-Zeigen der Taten finde ich filmisch interessanter.

Ich auch. Aber eben nicht genial :)

Begeistert kann man von den herben Taten auch schwerlich sein.

Ich finde man sollte sich nicht immer so auf die Wortwahl versteifen, wenn man sagt, man findet REQUIEM FOR A DREAM oder SALÓ begeisternd (wie kann man Filme mit solchen Themen begeisternd finden?!, etc pp). Zudem bin ich durch zeitgenössischere Filme vermutlich zu sehr abgestumpft als dass ich die Taten hier als herbe empfinden würde.

Aber filmisch-formal ist das überaus anerkennenswert.

Durchaus. Aber für mich kein Grund, ihn zu einem der bedeutendsten Filme seines Jahrzehnts zu erheben.

Natürlich bemerkt man das geringe Budget, aber das macht den Film ebenso wenig schlecht (...)

Habe ich auch nicht gesagt, dass er schlecht sei ;)

Ich weiß, was du an dem Film schätzt und in gewisser Weise "schätze" ich das auch, nur ist es bei mir kein ausschlaggebendes Kriterium, den Film zum Meisterwerk zu stilisieren. Für mich ist es dahingehend ein durchschnittlicher Thriller, dass er - in meinem Fall - nach dem Sehen schon wieder vergessen ist. Ergo auch mein 1. Kommentar.

Mir ist das alles zu distanziert für seine Nähe an den Figuren, die folglich kaum Tiefe erhalten, sondern sich und ihre Handlungen durch Klischees legitimieren in einer Geschichte, die reichlich vorhersehbar gerät. Die Leichen-Kollage, die auditiven Morde, das Aufzeichnen des Mordes und gemeinsame Schauen mit dem Zuschauer - alles positive Eigenschaften, aber für mich eben keine Gründe, den Film in mein Herz zu schließen. Sorry, Jochen, wohl einfach einer der vielen Dutzenden (Hunderte?) Filme, die wir vollkommen verschieden wahrnehmen und sehen :)