Sonntag, März 07, 2010

Oscartipp


Ich bin kein Fan der Oscarnacht. Das öde Stapfen über den roten Teppich, die dümmlichen Smalltalks und meist erschreckend hässlichen Garderoben der Schauspielerinnen turnen mich ebenso ab wie die unmenschliche Uhrzeit, zu der das Großevent stattfindet. Bei den Dankesreden kommt man aus dem Fremdschämen gar nicht mehr heraus und die gefühlten 2000 Werbeuntebrechungen tragen nicht zur Spannung, sondern vielmehr zur Verärgerung bei. Meines Erachtens muss man schon einen ungesunden Hang zum Masochismus besitzen, um sich diese "Show" in Gänze anzusehen. Der Einfluss der Oscars ist aber natürlich unbestreitbar. Einen Tipp kann ich mir deshalb nicht verkneifen. Da die Academy dumm und erzkonservativ ist, wird AVATAR natürlich mächtig abräumen.


Bester Film

Der mit dem Schlumpf tanzt

Regie

Cameron

Fremdsprachiger Film

Das weiße Band

Hauptdarsteller


Jeff Bridges - Crazy Heart

Nebendarsteller

Christoph Waltz - The Glorious Adventures of the Jew Hunter

Hauptdarstellerin


Sandra Bullock - A Blind Side

Nebendarstellerin

Maggie Gyllenhaal - Crazy Heart

Zeichentrickfilm

Coraline

Art Direction

Avatar

Kamera

Avatar

Kostüme

Nine

Doku

The Cove

Kurzdoku

The Last Truck: Closing of a GM Plant

Schnitt

Inglourious Basterds

Makeup

Star Trek

Musik

Zimmer - Sherlock Holmes

Song

The Weary Kind - Bingham & Burnett (Crazy Heart)

Kurzfilm Zeichentrick

A Matter of Loaf and Death

Kurzfilm

The New Tenants

Tonschnitt


Avatar

Soundmix

Avatar

Effekte


Avatar

Drehbuch (adaptiert)

District 9

Drehbuch (original)

Inglourious Basterds

Bei einigen Kategorien musste ich natürlich raten, weil ich keinen der Nominierten kenne.

Und zuletzt: So sehr ich die Filme Kathryn Bigelows schätze und ihr einen Oscar wünsche, wäre eine Auszeichnung für den durchaus spannenden aber gänzlich unrealistischen und politisch mutlosen Hurt Locker für mein Empfinden lediglich als Alibi-Oscar für eine Frau zu verstehen und deshalb in seinem Wert arg geschmälert.

Kommentare:

Alfons hat gesagt…

Die Phrase "politisch mutlos" geht mir langsam auf die Nerven.
Du hast neulich gefragt, woher ich weiß, was Bigelow aussagen will - es steht in einer Texttafel am Anfang des Filmes. Vielleicht liest Du sie Dir einfach noch einmal durch.
Mit politischer Antikriegspropaganda kannste Dich in den letzten Jahren ja zuschmeißen - Hurt Locker tritt genau dadurch aus dem Einheitsbrei heraus und zeigt den Krieg in seiner rohsten Form; er ist wegen seiner Unpolitik generalaussagend: es könnte um jeden Ort in jeder Zeit in jedem Krieg gehen.

Alfons hat gesagt…

Btw denke ich, daß die Academy sich den Avatar-Kritikern nicht gänzlich entziehen kann, und er nicht zum besten Film gewählt wird.
Sonst sehe ich das aber ähnlich; die Veranstaltung ist eine öde Gockelparade, und so sehr ein Oscar auch die Karriere beeinflußt, ein Qualitätsmerkmal war es noch nie, wodurch es letztendlich für mich als Endverbraucher egal wird.

Jochen hat gesagt…

Nachdem die gute Bigelow in den vergangenen Monaten jedwede politische Deutung ihres Films in Interviews konsequent vermieden hat, ist sie nun plötzlich doch umgeschwungen und hat gesagt, der Film nehme eine ganz spezielle Haltung zum Irakkkrieg und zum Krieg generell ein. Dabei weist sie dann auf die Darstellung zerfetzter Kinderleiber und -wie du, lieber Alfons- auf das Zitat zu Beginn des Films hin.

Ich empfinde das alles als wenig überzeugend. Denn letztlich wird in dem Film doch wieder einmal nur ein klassischer Hollywood-Held mit psychischer Störung dargestellt. Die leidende irakische Bevölkerung wird diskret ausgeblendet. Über den Krieg sagt der Film auch aufgrund seiner etlichen an Fantasy grenzende Szenarien nicht wirklich etwas tiefgreifendes aus.

Nichtsdestotrotz funktioniert der Film als Thriller ganz vorzüglich. Ich hätte mir nur gewünscht, er würde beim L. A. Bombsquad spielen und nicht im Irakkrieg, denn so hat wird ein Themenfeld aufgemacht, mit dem der Film bzw. die Bigelow nicht wirklich umzugehen weiß.

Alfons hat gesagt…

Das geht ja alleine in dem Moment schon daneben, in dem Du Renner als "Hollywood-Held" bezeichnest.
Genau das ist er ja nun auf keinen Fall, sondern er wäre gerne einer, weil er vermutlich die reatkionären Kriegsfilme der letzten Dekaden genossen hat.
Krieg ist für die Außenstehenden politisch, aber am nicht für die Soldaten, und der Film ist nun einmal aus Renners eingeschränkter Sicht erzählt, weswegen die Bevölkerung meist außen vorgelassen wird, die leidende Bevölkerung interessiert ihn einfach kaum.
Und warum sollte Bigelow auch unbedingt etwas zeigen, was evident und allgegenwärtig ist?

Jochen hat gesagt…

Natürlich ist Renner eine klassische Hollywoodfigur. Er ist der Hauptgrund, warum The Hurt Locker an Fantasy grenzt. Einen solchen Einzelgänger, der in völligem Bewustsein mit dem Leben seiner Kameraden spielt, ist im Militär völlig undenkbar. Solche Nummern, wie er sie durchzieht, würde er in der Realität nur einmal machen, dann wäre er weg vom Fenster, egal ob der die Bombe nun entschärtft hat oder nicht.

Alfons hat gesagt…

Ich weiß nicht, wo Du Dein Insiderwissen hernimmst, aber ich hatte beim Bund mindestens zwei Vorgesetzte, die seinem Profil perfekt entsprachen.
Mit Ihnen in den Krieg zu ziehen war mir zwar nur in der Simulation vergönnt, aber die Vorstellung, daß beide zu dem Zeitpunkt zwei Kosovo-Einsätze hinter sich hatten, sorgte bei mir immer wieder für Gänsehaut.
Einer der beiden war mal Wachoffizier und während 2 Rekruten in der Nacht eine Patrouillenrunde um die Kaserne drehten, schnappte er sich ein G36 und verschwand in der Dunkelheit um zu testen, ob die ihre Aufgabe auch ernstnahmen. Er versteckte sich also mit dem Gewehr im Gebüsch, und brüllte "Keine Bewegung", und nur weil die beiden zu feige waren, entsprechend zu reagieren, kam es zu keinem Zwischenfall. Später wurde alles totgeschwiegen, genauso wie in dem Fall, in dem ein Unteroffzier mit uns rumalberte, was ausartete als er einem Kameraden von mir eine fertig geladene P8 an den Schädel hielt, die ihm mit den Worten "Bist Du bescheuert?" aus der Hand geschlagen wurde. Der meinte, als Wachhabender müßte seine Pistole stets schußbereit sein. Nachdem ich den Vorfall meinem Zugführer meldete, verneinten beide, daß es je stattgefunden hätte und erklärten mich für wahnsinnig...

Jochen hat gesagt…

Ich streite nicht ab, dass es im Militär Verrückte en masse gibt. Ich bezweifle aber ernsthaft, dass es ein derartig selbstsüchtiger, streitsuchender, sich um die Belange seiner Kameraden einen Dreck scherender Soldat zum obersten Eliteentschärfer brächte. Überhaupt diese ganze Einzelgängerfantasie des Films hat meines Wissens mit der Realität nichts zu tun. Nach Militärlogik entsteht Stärke durch Masse. Eine einzelne Einheit, die im Jahr 2004 (als der Aufstand in vollem Gange war), durch Bagdad streift, ganz alleine Gebäude durchsucht oder durch Wüstenstraßen fährt, ist reine Fiktion. Wie praktisch auch, dass die Bombenspezalisten exzellente Sniper und Spotter sind, wenn gerade mal eine inkompetente britische Söldnertruppe weggepustet wird. Das ist ein Hollywoodmärchen erster Güte und hat mit realem Kriegsgeschehen wenig gemein.

Jochen hat gesagt…

Mir fällt gerade auf, dass ich den Begriff "Einheit" vermutlich militärterminologisch nicht ganz richtig verwendet habe. Ich meine damit die kleine Gruppe von Soldaten (es waren im Film, wenn ich mich recht erinnere, drei), die in einem Humvee unterwegs ist.

Alfons hat gesagt…

Kein normaler Mensch macht das freiwillig, und darum geht es ja auch. Der Kerl ist nicht da, weil er sich mit Menschen gut versteht, sondern weil er Bomben entschärfen kann. Sicherlich ist das alles ein wenig überzeichnet, aber nicht so stark wie Du vielleicht vermutest.
Keine der Episoden für sich alleine ist unrealistisch, und dessen Zusammenhalt durch einen einzelnen Protagonisten geschieht zu dramaturgischen Zwecken. Ein Held ist er deswegen trotzdem nicht.
Militärlogik ist übrigens ein Oxymoron.

Jochen hat gesagt…

Militärlogik ist übrigens ein Oxymoron.

LOL, da hast du wahrscheinlich recht!

Flo Lieb hat gesagt…

Denke die wahre Fratze von HURT LOCKER hat sich spätestens am Ende von Bigelows Dankesrede gezeigt.

Jochen hat gesagt…

Was hat sie denn gesagt? Hab mir die Parade der Peinlichkeiten natürlich nicht angesehen :-)

Rajko Burchardt hat gesagt…

Stimme Alfons in allen Punkten zu. Deine (zum Teil ideologische) Kritik, Jochen, ignoriert völlig die Erzählperspektive des Films, die sich aus der subjektiven Wahrnehmung der Renner-Figur speist. Wenn der Film Krieg als Droge verstanden wissen will, so ist es nur konsequent, sich ganz in die verzerrte Erlebniswelt eines Kriegsjunkies zu begeben.

Im Übrigen hast du ja relativ falsch gelegen mit deiner Prognose. :)

Jochen hat gesagt…

Die subjektive Erzählperspektive, die der Film im Übrigen keineswegs durchweg einnimmt, ist doch keine Entschuldigung für eine mangelnde politische Aussage. Man führe sich nur einmal "Rambo" vor Augen, der nicht einmal in Vietnam spielt, fast völlig aus der Perspektive des Protagonisten erzählt wird und hochgeradig politisch ist (vgl. ebenso die Charlie Sheen Figur aus Platoon). Also zu behaupten die Erzählperspktive verhindere eine politsche Aussage, ist meines Erachtens kompletter Unsinn.

Was ihr vielleicht meint, ist die ErzählHALTUNG des Films. Ein nicht gerade unbedeutender Unterschied. Die lässt nämlich in der Tat wenig Raum für eine konkrete politische Deutung, blendet Gründe und Konsequenzen des Geschehens weitgehend aus, ja ist im Grunde nur am Schaueffekt interessiert. Wie schreibt Tobias Kniebe heute in der SZ so treffend:

"Zu behaupten, dass [Bigelow] auch den Krieg selbst feiern würde, ginge zu weit - dazu ist das Geschehen dann doch einen Tick zu sinnlos. Aber die Männer, die dort unten durchkommen, überhöht sie als Renegaten und als naturgeborene Killer, die jede Gesellschaft braucht, die es mit Gotteskriegern aufnehmen will. Gegen Bombenattentäter hilft am Ende keine Rationalität, sondern nur die eigene, hausgemachte Todessehnsucht des Westens." - Eine wundervolle Beschreibung eines stereotypen Hollywoodhelden des Actionkinos. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Film der ersten Frau, die den Oscar gewinnt, gleichzeitig auch der größte Macho-Film ist, den die Academy seit Jahren ausgezeichnet hat!

Rajko Burchardt hat gesagt…

Ich habe ja im Gegensatz zu dir nie behauptet, dass der Film eine "mangelnde politische Aussage" habe. Ich finde ihn sehr politisch.

Flo Lieb hat gesagt…

Was hat sie denn gesagt?

Sie hat ihren Oscar den Soldaten der US-Armee gewidmet.

Paul hat gesagt…

Gute Diskussion hier :)

Etwas von mir noch:

Wenn The Hurt Locker politisch mutlos ist, was ist dann dein Favorit Inglourious Basterds?

Ist der mit seiner "Wir Juden begehen nun aus Rache an den Nazis Massenmord"-Haltung nicht irgendwo politisch gesehen gar ein wenig grenzdebil?

Jochen hat gesagt…

Im Gegensatz zum Hurt Locker bedient sich der Tarantinofilm doch zu keinem Zeitpunkt einer Ästhetik, die Realitätsnähe vorheuchelt. Insofern ist der Vergleich unangebracht. Aber auch den IBs hätte ich den Oscar wohl nicht gegeben. Wie gesagt: Der Coen wäre mein Favorit.

Paul hat gesagt…

Naja, die Ästhetik ist die eine Sache, die Intelligenz und "seriousness" ;) selbst eines offen sich als "Märchen" deklarierenden Films eine andere.

(Und nur weil Hurt Locker realistisch aussieht, kann er dennoch als 'Spielfilm' ja überzeichnen und etwas überdramatisieren dürfen, wie es auch der böse Alfongs schon angemerkt hat)

Ich wäre auch der letzte, der von jedem Film diese Ernsthaftigkeit verlangen würde, aber den Tarantino fand ich einfach zu einem gewissen Grade ein bisserl blöd, von daher: netter Film, einige geniale Szenen, aber wie der wieder fast überall gepriesen wird, das kann ich halt nicht ganz nachvollziehen..