Sonntag, Juni 29, 2008

Short Cuts #7

21 ist die komplett misslungene Verfilmung von Ben Mezrichs "Bringing Down the House": Eine Handvoll Studenten nimmt durch Kartenzählen Casinos beim Blackjack aus. Dass der Stoff das Potenzial für einen guten Film hat, beweist die Erstverfilmung The Last Casino eindrucksvoll. Während der kanadische TV-Film für mich ein stiller Höhepunkt des Jahres 2004 war, zählt 21 schon jetzt zu den Gurken des Jahres 2008. Prätentiös, durchweg miserabel geschauspielert (um nicht zu sagen: komplett fehlbesetzt!), schlecht geschrieben, mies geschnitten und viel zu süßlich inszeniert. Nicht anschauen!

Vantage Point ist eine Art Dünnbrettbohrervariante von Brian De Palmas Snake Eyes, verschenkt die Möglichkeiten, die die für einen Hollywoodfilm zugegebenermaßen mutige Erzählstruktur bietet. Gut gecastet, zügig inszeniert, aber eben nur ungenügend gescriptet. Als reines Entertainment erträglich, aber weit entfernt von einem guten Film.

All the Boys love Mandy Lane: Guter Slasher, der selbstbewusst mit den Konventionen des Genres umgeht, seine Vorbilder liebevoll zitiert und vor allem durch eine hinreißende Hauptdarstellerin (Amber Heard) zu überzeugen weiß. Der seit Scream obligatorische Plottwist ist zwar leicht vorherzusehen, das tut dem Filmvergnügen jedoch keinen Abbruch, weil der 70's-Look zusammen mit dem großartigen Soundtrack eine nostalgische Atmosphäre erzeugt, der man sich gerne hingibt.

Freitag, Juni 20, 2008

Top Ten der Genre-Filme


Das American Film Institute veröffentlichte kürzlich die zehn besten US-Filme verschiedener Genres. Hier die Ergebnisse - über die eine oder andere Nennung ließe sich sicherlich vorzüglich streiten!

ANIMATION

1. "Snow White and the Seven Dwarfs“, 1937.

2. "Pinocchio“, 1940.

3. "Bambi“, 1942.

4. "The Lion King“, 1994.

5. "Fantasia“, 1940.

6. "Toy Story“, 1995.

7. "Beauty and the Beast“, 1991.

8. "Shrek“, 2001.

9. "Cinderella“, 1950.

10. "Finding Nemo“, 2003.

FANTASY

1. "The Wizard of Oz“, 1939.

2. "The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring“, 2001.

3. "It's a Wonderful Life“, 1946.

4. "King Kong“, 1933.

5. "Miracle on 34th Street, 1947.

6. "Field of Dreams“, 1989.

7. "Harvey“, 1950.

8. "Groundhog Day“, 1993.

9. "The Thief of Bagdad“, 1924.

10. "Big“, 1988.

GANGSTER

1. "The Godfather“, 1972.

2. "Goodfellas“, 1990.

3. "The Godfather Part II“, 1974.

4. "White Heat“, 1949.

5. "Bonnie and Clyde“, 1967.

6. "Scarface: The Shame of a Nation“, 1932.

7. "Pulp Fiction“, 1994.

8. "The Public Enemy“, 1931.

9. "Little Caesar“, 1930.

10. "Scarface“, 1983.

SCIENCE FICTION

1. "2001: A Space Odyssey“, 1968.

2. "Star Wars: Episode IV — A New Hope“, 1977.

3. "E.T. the Extra-Terrestrial“, 1982.

4. "A Clockwork Orange“, 1971.

5. "The Day The Earth Stood Still“, 1951.

6. "Blade Runner“, 1982.

7. "Alien“, 1979.

8. "Terminator 2: Judgment Day“, 1991.

9. "Invasion of the Body Snatchers“, 1956.

10. "Back to the Future“, 1985.

WESTERN

1. "The Searchers“, 1956.

2. "High Noon“, 1952.

3. "Shane“, 1953.

4. "Unforgiven“, 1992.

5. "Red River“, 1948.

6. "The Wild Bunch“, 1969.

7. "Butch Cassidy and the Sundance Kid“, 1969.

8. "McCabe & Mrs. Miller“, 1971.

9. "Stagecoach“, 1939.

10. "Cat Ballou“, 1965.

SPORTS

1. "Raging Bull“, 1980.

2. "Rocky“, 1976.

3. "The Pride of the Yankees“, 1942.

4. "Hoosiers“, 1986.

5. "Bull Durham“, 1988.

6. "The Hustler“, 1961.

7. "Caddyshack“, 1980.

8. "Breaking Away“, 1979.

9. "National Velvet“, 1944.

10. "Jerry Maguire“, 1996.

MYSTERY

1. "Vertigo“, 1958.

2. "Chinatown“, 1974.

3. "Rear Window“, 1954.

4. "Laura“, 1944.

5. "The Third Man“, 1949.

6. "The Maltese Falcon“, 1941.

7. "North By Northwest“, 1959.

8. "Blue Velvet“, 1986.

9. "Dial M for Murder“, 1954.

10. "The Usual Suspects“, 1995.

ROMANTIC COMEDY

1. "City Lights“, 1931.

2. "Annie Hall“, 1977.

3. "It Happened One Night“, 1934.

4. "Roman Holiday“, 1953.

5. "The Philadelphia Story“, 1940.

6. "When Harry Met Sally ...“, 1989.

7. "Adam's Rib“, 1949.

8. "Moonstruck“, 1987.

9. "Harold and Maude“, 1971.

10. "Sleepless in Seattle“, 1993.

COURTROOM DRAMA

1. "To Kill a Mockingbird“, 1962.

2. "12 Angry Men“, 1957.

3. "Kramer Vs. Kramer“, 1979.

4. "The Verdict“, 1982.

5. "A Few Good Men“, 1992.

6. "Witness for the Prosecution“, 1957.

7. "Anatomy of a Murder“, 1959.

8. "In Cold Blood“, 1967.

9. "A Cry in the Dark“, 1988.

10. "Judgment at Nuremberg“, 1961.

EPIC

1. "Lawrence of Arabia“, 1962.

2. "Ben-Hur“, 1959.

3. "Schindler's List“, 1993.

4. "Gone With the Wind“, 1939.

5. "Spartacus“, 1960.

6. "Titanic“, 1997.

7. "All Quiet on the Western Front“, 1930.

8. "Saving Private Ryan“, 1998.

9. "Reds“, 1981.

10. "The Ten Commandments“, 1956.

Freitag, Juni 06, 2008

Short Cuts #6

AVP 2: Zunächst das Positive: AVP 2 drangsaliert den geneigten Zuschauer im Gegensatz zum Vorgängerfilm nicht mit einer furchtbar ausgewalzten Exposition. Nun das Negative: Dafür baut der Horrorheuler zu keinem Zeitpunkt eine mitreißende Spannung auf. Die Figuren sind farblose Stereotypen. Die Action ist in Ordnung aber nie wirklich überraschend. Das hat man alles schon mehrfach gesehen. Die Kämpfe der Kreaturen sind weniger gut choreografiert als in Teil 1. Fazit: Ein Trashfilm, an dem man leider nicht vorbeikommt - das Potenzial von Idee und Budget wird durch die 08/15-Inszenierung der Gebrüder Strause allerdings verschenkt.

Juno: Durch den Oscar eine zu Unrecht hochgehypte Schwangerschaftsgeschichte, die Achtklässler in Schulvorstellungen langweilt und Erwachsenen ob der Unglaubwürdigkeit der Hauptfigur eigentlich auch die Filmfreude vergällen müsste. Warum das bei vielen Volljährigen offenbar nicht der Fall ist, kann ich nicht nachvollziehen. Juno wirkt mit ihren genau kalkulierten Drehbuchsprüchen furchtbar altklug und als Figur durch und durch konstruiert. Trotzdem: Der Retroflair funktioniert.

Cassandra's Dream: Großartiges aus dem Hause Allen! Vielleicht hätte der Vorzeige-New-Yorker früher nach England gehen soll. Denn seitdem er dort ist, liefert er nur noch gute Filme ab. Absolutes Highlight hier: Colin Farrell als spielsüchtiger Automechaniker. Obgleich die Chemie zwischen Farrell und seinem Filmbruder Ewan McGregor stimmt, wird McGregor von Farrell des Öfteren glatt an die Wand gespielt. Die weibliche Hauptrolle ist allerdings ein Totalaussetzer. Hayley Atwell gibt die opportunistische Aktrice Angela dermaßen gelangweilt, dass einem nicht nur die Figur unsympathisch wird, sondern auch die Szenen missfallen, in denen sie auftaucht.

The Two Jakes: Kürzlich erneut gesichtet und schwer begeistert! Völlig zu Unrecht unterschätzter Neo Noir, der seinem Vorgänger nicht um viel nachsteht. Vilmos Zsigmonds Kameraarbeit ist fantastisch, überflügelt locker den Look von Chinatown. Harvey Keitel kann man zwar des Overactings bezichtigen und dem Plot einige Längen vorhalten, doch die Stimmung ist feinstes Noir. Schade, dass der geplante und am Ende des Streifens angedeutete dritte Teil nie gedreht wurde.

Interview: Intimes Kammerspiel von und mit Steve Buscemi. Es handelt sich um ein Remake des 2003 gedrehten Films vom niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Ein lehrreiches Stück über Manipulation, Macht, Schauspiel, Lügen, Drogen und noch unendlich mehr, das hier nicht alles aufgezählt werden soll. In a nutshell: Für Arthouse- und Buscemi-Fans ein Muss, Actionfanatiker sollten fernbleiben.

Freitag, April 25, 2008

The Fury Remake

Variety berichtet von einem The Fury-Remake, das derzeit bei FOX 2000 in Arbeit sei. Im Zentrum der Handlung soll ein Junge stehen, der über telekinetische Kräfte verfügt und von der Regierung entführt wird, um als Waffe eingesetzt zu werden. Brian De Palmas Original von 1978 konzentrierte sich hingegen auf den Vater des Entführten, der verzweifelt versucht, seinen Sohn aus den Händen der Entführer zu befreien. Bislang wurde nicht bekannt gegeben, wer Regie führen wird.

Dienstag, April 01, 2008

Short Cuts #5

Frank Oz' Death at a Funeral hat etwas geschafft, was die meisten Komödien nicht vermögen: Dieser Film hat mich oftmals so laut auflachen lassen, dass ich anschließend gezwungen war, die Rückspultaste zu betätigen, um nichts zu verpassen. Selten entsteht aus einer Koproduktion etwas solch Fabelhaftes wie hier. Der Humor dieses amerikanisch-deutsch-englisch-niederländischen Werkes ist allerdings zutiefst britisch. Dieses Kammerspiel lässt keine Wünsche offen. Bis in die kleinste Nebenrolle perfekt besetzt, ansehnlich ausgestattet und bebildert, pointiert geschrieben und mit einem sensiblen Gespür für Timing geschnitten. Death at a Funeral empfehle ich uneingeschränkt!

Irina Palm ist ebenfalls eine Koproduktion (Belgien, Luxemburg, UK, Deutschland und Frankreich) und präsentiert uns eine erschreckend hausfrauenhafte Marianne Faithfull, die, um das Geld für eine kostspielige Behandlung ihres todkranken Enkelkindes zusammenzubekommen, in einem Tabledance-Schuppen Männern einen Handjob verpasst. Sie avanciert zu einem Star der Szene, wird von der Konkurrenz umworben, weil sie die angeblich beste rechte Hand Londons hat. - Faithfull baut mit ganz kleinen Gesten um ihre Figur einen solch komplexen Kosmos auf, so dass auf dröge, erklärende Dialoge verzichtet werden kann. Ein zutiefst menschlicher Film, der zwar die komischen Früchte der konstruierten Situation genüsslich zu ernten versteht, zugleich aber nie vergisst, dass es im Kern um etwas ganz anderes geht: Die anrührende Geschichte einer späten Emanzipation. Großartig!

Donnerstag, März 27, 2008

Short Cuts #4

Prinzessinnenbad: Eine Liebeserklärung an drei Mädchen, die den Kreuzberger Kiez unsicher machen. "Lass dir erstmal 'nen Penis wachsen!", so wird eine unliebsame Anmache im Kreuzberger Prinzenbad gekontert. Überhaupt sind die drei wahnsinnig scharfzüngig, scheinen zu wissen, was sie wollen - doch stellt sich heraus, dass hinter ihrer äußeren Härte und sexuellen Abgeklärtheit dann doch noch kindliche Züge schlummern. Die größte Schwäche dieser preisgekrönten Dokumentation: Sie hört nach neunzig Minuten auf, endet im Spätherbst 2006. Gerne wüsste man, wie es um die damals 15-16-jährigen heute bestellt ist. Wahrscheinlich lässt sich diese Antwort irgendwo in der Oranienstraße klären.

Ich habe es nicht glauben wollen, als mein werter Bloggerkollege Rudi vor etwa einem Jahr einen Film anpries, bei dessen Trailer ich im Kino stets mit Würgeanfällen kämpfen musste: Superbad. Und nun stellt sich tatsächlich heraus: Superbad tut seinem Namen nicht alle Ehre. Vom lässigen 70's-Opening bis hin zu den letzten Einstellungen überrascht einen diese Teenie-Komödie immer wieder. Zwar lenkt die B-Handlung, in der der nerdige McLovin mit zwei unterbelichteten Cops alle Kleinjungenträume ausleben darf, von der liebevoll geschriebenen und inszenierten Haupthandlung, dem Erwachsenwerden zweier bester Freunde, ab. Insgesamt halte ich Superbad dennoch für den gelungensten Highschoolfilm seit Fast Times at Ridgemont High.

Breakfast at Tiffany's: Ein Klassiker von Blake Edwards, den ich bis vor kurzem nicht kannte. Und wie sich nun herausstellt, war dies auch nicht weiter tragisch. Denn was lehrt uns dieser Film? Dass es auch schon 1961 anorektische Schauspielerinnen gab. Dass man krankhafte Persönlichkeiten offenbar gut als Hauptfiguren verwenden kann. Dass rassistisch inszenierte Nebenrollen echt lustig sind. Und überhaupt: Dass die Lebensprobleme eines 60's-Girl so etwas von dated sind, dass man nur noch gähnen mag. Aber eines muss man Breakfast at Tiffany's lassen: Der Blick auf die New Yorker Promigesellschaft und ihre extravaganten Partys ist mehr als gelungen. Sich diese zwanzig Minuten isoliert anzusehen, würde ich empfehlen, den Rest kann man getrost vergessen.

Imitation of Life ist ein ganz großartiger Film des noch großartigeren Douglas Sirk. Ich hasse Pathos in Filmen. Doch ich liebe Pathos in Sirks Melodramen, weil es hier einfach passt, stimmig ist und einem das Herz erwärmt. Prächtige Technicolor-Farben tragen ihren Teil dazu bei, diese Geschichte um zwei allein erziehende Mütter in ausladender Manier zu erzählen. Imitation of Life ist im Gegensatz zu Breakfast at Tiffany's überhaupt nicht überholt, sondern aktueller und relevanter als der meiste Murks, der heutzutage die Lichtspielhäuser heimsucht. Ganz großes Kino!

Run Fatboy Run: Launige Komödie mit Simon Pegg, die im Gegensatz zu Shaun of the Dead und Hot Fuzz daran krankt, die Genregrenzen nicht zu überschreiten. Daher bleibt sie völlig vorhersehbar, in den Nebenrollen blass und erzielt keine nachhaltige Wirkung. Dennoch gibt es einzelne Szenen, die Lachkrämpfe auszulösen vermögen. Den Nerv muss man erst einmal haben, einen Marathon mit einem "National Erectile Dysfunction Awareness"-Shirt zu laufen...


Montag, März 24, 2008

DVD: Redacted


Für viel Wirbel sorgte Redacted in den USA. Wiederholt wurden Regisseur De Palma und Produzent Mark Cuban als Nestbeschmutzer beschimpft: Gegen die Truppen habe man nichts zu sagen, das verbiete einem der Patriotismus. Und dies war noch der harmloseste aller Vorwürfe. So wurde beispielsweise in einem rechten Internetforum nach einem Seil geschrien, mit dem man die Macher am nächsten Baum aufhängen wolle. Bezeichnenderweise hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand außer dem Premierenpublikum in Venedig, das Redacted mit langen Standing Ovations feierte, gesehen.

Vergegenwärtigt man sich, dass die ersten Vietnamfilme Hollywoods erst mehrere Jahre nach dem Abzug der Truppen in die Kinos kamen, kann man die teilweise drastischen Reaktionen in der amerikanischen Öffentlichkeit nachvollziehen: The Deer Hunter, First Blood und Platoon versuchten die Erlebnisse der Soldaten, ihre verletzte Psyche, für den Zuschauer erfahrbar und verständlich zu machen. Hingegen sind die ersten Irak-Filme wie Paul Haggis' In the Valley of Elah oder De Palmas Redacted ein verzweifelter Versuch, die Öffentlichkeit aufzurütteln. Während Haggis' Film im Gewand des klassischen Erzählkinos mit großen Stars daherkommt und sich die Handlung wie ein Krimi entfaltet, setzt De Palma in dieser 5-Millionen-Dollar-Produktion auf unbekannte Schauspieler und experimentiert mit der Erzählform.

Eine Collage aus Videotagebuch, französischer Dokumentation, Überwachungskameras, youtube-Videos, Skype-Videotelefonaten, Blog-Videos, arabischen und US-Nachrichten sowie Internetvideos von irakischen Terroristen fügt sich hier zu einem Ganzen zusammen, das uns deutlich vorführen soll, wie sehr uns die Auswahl der Bilder als Zuschauer manipuliert. Die Form des Films ist gewissermaßen das Thema: Der Verzicht auf krasse Kriegsbilder, die bereinigte US-Fernsehberichterstattung war der Hauptgrund für De Palma diesen Film, der die gleiche Geschichte erzählt wie sein 1989 veröffentlichter Vietnamfilm Casualties of War, zu drehen. Schockierende Bilder wie jene vom My-Lai-Massaker in Vietnam gibt es zwar auch vom Irakkrieg, doch sind diese nur im Internet einsehbar, man muss nach ihnen suchen. Den Großteil der amerikanischen Bevölkerung erreichen sie somit nicht. Dass die geschilderten Geschehnisse von Samarra (in der Realität: Das Massaker von Mahmudija) denen in Vietnam fast bis aufs Haar gleichen, ist nicht nur erschreckend, sondern unfassbar. Es beweist einmal mehr, dass die Menschen nicht aus der Geschichte und ihren Fehlern lernen. Beide Filme basieren auf tatsächlichen Ereignissen. Die Dynamik innerhalb der Gruppe von Soldaten ist nahezu identisch: Der Tod eines geschätzten Vorgesetzten veranlasst die sexuell frustrierten Männer nach reichlich Alkoholkonsum in ein Haus mit Zivilisten zu stürmen, ein 15-jähriges Mädchen zu vergewaltigen und es anschließend zu töten. Die anderen anwesenden Familienmitglieder werden ebenfalls umgebracht.

Man kann Redacted sicherlich vorwerfen, uns Klischeefiguren zu präsentieren: Hier der gebildete, moralisch integere McCoy (Rob Devaney), dort der White Trash in Form von Flake (Patrick Carroll) und Rush (Daniel Stewart Sherman). Mittendrin der opportunistische Salazar (Izzy Diaz), der sein Videotagebuch als Eintrittskarte für die Filmhochschule begreift und darüber seinen ethischen Kompass vergisst. Und doch ist das nicht fern der Realität, schließlich rekrutiert das US-Militär in all seiner Verzweiflung schon längst auch psychisch labile Personen mit kriminellem Hintergrund, die lieber einen Trip in den Irak als in den nächsten Knast unternehmen. Wer sonst zieht heute noch freiwillig in dieses Schlamassel?

De Palma zeigt uns eine klassische Spirale der Gewalt: Am Checkpoint wird ein zu schnell fahrendes Auto mit Waffengewalt gestoppt. Die schwangere Beifahrerin stirbt im Kugelhagel, ihr Bruder wollte sie zur Entbindung zügig ins Krankenhaus bringen. Die Reaktion terroristischer Iraki: Eine Tretmine, getarnt als Fußball, zerfetzt den beliebten Master Sergeant Sweep (Ty Jones). Dies wiederum ist die Initialzündung für das Vergehen an der 15-Jährigen. Und diese Tat wird durch die Entführung und Enthauptung Salazars vergolten.

Zurück bleiben auf US-Seite traumatisierte Veteranen, um deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft sich das US-Militär nur unzureichend kümmert und auf diese Weise menschliche Zeitbomben produziert. Der „Kollateralschaden“ auf Seite der Iraki ist freilich unmittelbarer, schlägt sich in zahllosen zivilen Opfern nieder und wird einem in einer ergreifenden Schlussmontage mit drastischen Real-Bilder vor Augen geführt. Diese Bilder wurden ironischerweise zensiert (Redacted was redacted!): Die Augen der abgebildeten Personen wurden geschwärzt. Produzent Cuban fürchtete eine juristische Auseinandersetzung mit den Hinterbliebenen. De Palma tobte, konnte es aber nicht verhindern.

Mehrere Kritiker bemängelten das Schauspiel der Jungdarsteller. Es sei so künstlich wie in einem schlechten Schultheater. Dabei übersahen sie jedoch, dass die Darsteller dazu angehalten waren, realistisch vor einer offensichtlich laufenden Kamera zu spielen – und wird eine Kamera auf jemanden gerichtet, verhält er sich unnatürlich. Etwas, das wohl jeder (bis auf einige weltfremde Kritiker) schon einmal erfahren hat.

Musikalisch sticht Händels Sarabande hervor, die im Dokumentarfilm zum Einsatz kommt: Der getragene Charakter des Stückes unterstreicht die von den Soldaten erlebte Monotonie und permanente Anspannung am Checkpoint, ist aber natürlich gleichzeitig auch eine direkte filmische Referenz an Kubricks Barry Lyndon, die ihrerseits an einer Stelle zu Beginn durch eine simultane bildliche Anspielung auf Peckinpahs The Wild Bunch erweitert wird: So beobachtet Salazar wie Ameisen einen Skorpion überwältigen, zückt seine Kamera und reagiert auf dieses verblüffende tierische Gewalt-Spektakel mit einem kindlichen Lachen. Dieser Moment ist gleichermaßen ein bewusstes Spiel mit einem filmhistorischen Subtext als auch eine plakative Metapher für die gegenwärtige Situation im Irak, wo die Amerikaner von irakischen Attentätern übermannt zu werden drohen.

Jedermanns Kost ist Redacted mit seinem überdeutlichen didaktischen Anliegen gewiss nicht. Aber die Kompilation aus sorgfältig recherchierten Kriegs-Grausamkeiten lässt auch gewiss niemanden kalt. Redacted ist ein bestialischer Schrei gegen den Irakkrieg, der durch seine furiose und vielleicht sogar stilbildende Form (die Zukunft wird’s zeigen) die derzeitigen Grenzen des Kinos erweitert.

Zur DVD

BILD (1.78:1 anamorph): Redacted wurde von HDNet finanziert und somit (wie alle Filme dieses Labels) digital aufgenommen. De Palmas erste Schritte im digitalen Medium waren vorher freilich wohl überlegt. Form und Inhalt sollten zueinander passen. Und da schon die Struktur von Redacted überwiegend digitale Medien als Filmquellen vorschreibt, erscheint der Entschluss in HD zu drehen nur logisch und konsequent. Während die Videotagebuchszenen authentisch amateurhaft wirken, führen einem die Aufnahmen der französischen Dokumentation beeindruckend vor, wie schwer der Unterschied zwischen klassischem und digitalem Filmmaterial mittlerweile zu erkennen ist: Die goldbraunen Farben des Sandes in der aufgehenden Sonne strahlen fast so prächtig wie einst Technicolor.

TON: Es befinden sich ein englischer Dolby Digital 5.1 und ein 2.0-Track auf der RC-1-DVD. Die Dialoge sind stets gut verständlich, obwohl bei genauerer Überlegung ein solch guter Dialog-Ton in den Videotagebuch- und einigen anderen Szenen technisch kaum möglich wäre. An Surroundsound wurde deshalb konsequenterweise gespart - dieser hätte sich formal nicht in den Film eingefügt. - In der Zwischenzeit ist nun auch die deutsche DVD mit einer deutschen Synchrontonspur erschienen. Da das Durcheinander der Sprachen und die Kommunikationsprobleme der Kulturen ein zentrales Thema in Redacted sind, erscheint mir eine Synchro schon im Ansatz verfehlt zu sein. Ich habe sie bislang jedoch nicht überprüfen können.

EXTRAS: In einem fast neunminütigen Interview mit dem Titel Higher Definition: Redacted Episode erfahren wir die Gründe für De Palmas Entschluss, Redacted zu drehen. Kurz aber gut.

Ein exakt fünfminütiges Behind the Scenes-Feature zeigt uns in Splitscreens die Entstehung der Pokerszene.

Eine gute Stunde dauern insgesamt acht Refugee Interviews: Flüchtlinge aus dem Nahen Osten erzählen ihre ergreifenden Lebensgeschichten.

Fazit: Redacted ist ein erschütterndes Dokument über die Grauen des Irakkrieges, das die formalen Grenzen des Kinos neu auslotet. Die DVD-Veröffentlichung ist solide aber nichts Besonderes.


Samstag, März 22, 2008

OT: Richard III. im BE

Das Berliner Ensemble hat seit vergangenem Februar Richard III. im Repertoire. Regie führt dabei niemand geringerer als der Intendant des Theaters Claus Peymann. Peymann echauffierte sich unlängst in einem überaus lesenswerten Interview mit der Süddeutschen über die Riege der Theaterkritiker, die jeden Regie-Pupser hochjubelten und dabei die Schauspieler vergäßen: Denn nur die Schauspieler könnten die Zuschauer verzaubern und eine Vorstellung zu einem Fest machen.

Tatsächlich merkt man der Inszenierung von Richard III. diese grundlegende Überzeugung zu jedem Zeitpunkt an. Ein schlichtes Bühnenbild, das lediglich aus einigen Glaswänden besteht, wenig Requisiten und dezente Kostüme lenken nicht vom Schauspiel ab, sondern stellen den Shakespeare-Text in den Mittelpunkt. Peymann hat sich hierbei für die zeitgenössische Übersetzung von Thomas Brasch entschieden, die das Drama über den buckligen Hinkefuß leichter zugänglich werden lässt als beispielsweise die alte Schlegel-Version. Die logische Folge dieser Herangehensweise: Das Stück steht und fällt mit den Leistungen der Schauspieler. Und hier gibt es Unterschiede zu verzeichnen.

Während Ernst Stötzner die Rolle des intriganten Richard, der sich zielstrebig auf den Thron mordet, großartig ausfüllt, die komischen Seiten der Figur geschickt auszunutzen versteht, verrennt sich Therese Affolter als Elisabeth in einer nervtötenden Überzeichnung. Der zwanghafte Versuch, Elisabeth als Karikatur darzustellen, mit hysterischen Gesten die Figur ironisch zu brechen, schlägt fehl. Wie man es richtig machen kann, zeigt Penelope Allen in Al Pacinos großartigem Looking for Richard.

Der überwiegende Teil des Ensembles spielt grandios. Besonders zu erwähnen sind hier Veit Schubert als Richards 'partner in crime' Buckingham oder der androgyn wirkende Christopher Nell als Richards Adlatus Catesby. Die Doppelbesetzung von Jürgen "Motzki" Holtz als Richards ahnungsloser Bruder Georg und später als Kindermörder Tyrrell verwirrt jedoch mehr, als dass sie dem Stück förderlich wäre.

Bedauerlicherweise hat Peymann die schwächsten Szenen nicht genügend gekürzt. So ist das Um-die-Wette-Gejammer der drei Frauenfiguren ebenso unerträglich wie Richards nicht enden wollendes Werben um Elisabeth. Hier hätten Raffungen gut getan, auch wenn man der über drei Stunden dauernden Aufführung insgesamt nicht vorwerfen kann, langatmig zu wirken.

Die Kritik war wenig begeistert von Peymanns Richard III. Die Zuschauerzahlen beeinflusst dies glücklicherweise nicht. Die Vorstellungen sind in der Regel ausverkauft.


Freitag, März 14, 2008

Short Cuts #3

No Country for Old Men ist der unpersönlichste Film der Gebrüder Coen und dennoch einer ihrer besten. Joel und Ethan nehmen sich zugunsten der Story sehr zurück, das typisch Coensche sucht man hier über weite Strecken vergebens. No Country for Old Men ist darüber hinaus ein wahres Leinwandgemälde: Die an Western erinnernden Panoramaaufnahmen von weiten Steppen, verdorrtem Land, in denen die Figuren wie Miniaturen wirken, sind geschaffen für das Überlebensgroße des Kinos. Der Verzicht auf eine musikalische Begleitung, die kontemplative Erzählhaltung, die aus McCarthys Vorlage übernommen wurde, und die mitunter sperrigen Figuren fordern den Zuschauern zu einer eher rationalen Betrachtung der Geschehnisse. No Country for Old Men ist deshalb kein klassisches Identifikationskino wie es Hollywood gewöhnlich inszeniert - es erinnert eher an das rationalistische Kino eines Stanley Kubrick oder Brechts episches Theater: Der Zuschauer nimmt eine reflexive Haltung ein, deutet die Handlung und wird zu Entscheidungen gezwungen. Dieser grundlegende Unterschied zum klassischen Hollywoodkino hat No Country for Old Men mit There Will Be Blood gemein, denn auch hier erscheinen die Hauptfiguren in ihrer starren Konzeption eher als Typen denn als psychologisch komplexe Wesen. Ist dies vielleicht der Anfang eines Wandels weg von lange etablierten Drehbuchstrukturen? Solange solch vorzügliche Produkte dabei entstehen, kann man ihn nur begrüßen!


Auch Rambo IV präsentiert uns Typen. Rambo IV funktioniert wie ein klassischer US-Propagandafilm aus den 80ern. Stallone transferiert die Grundhaltung der Teile 2 und 3 in leicht modernisierter Form in die Gegenwart. Unter dem politisch korrekten Deckmäntelchen der Birma-Kritik wird hier Splatter-Action zelebriert. Das Fatale: Lässt man sich darauf ein, macht das Ganze auch noch Spaß. Schade, dass uns der Regisseur Stallone nicht wie die Gebrüder Coen zu Entscheidungen zwingt, sondern uns mit der zweifelhaften Message indoktriniert: Nur Gewalt löst Probleme. Wer verhandeln will, liegt ganz schnell tot am Straßenrand. Es wird gemunkelt, dass Rambo in Teil 5 Rassisten ob ihrer Stumpfsinnigkeit über den Jordan befördert. Warten wir's ab...


Donnerstag, März 13, 2008

9th Annual Bitsy Awards

Seit nunmehr neun Jahren zeichnen Bill Hunt und seine Kollegen von thedigitalbits kurz nach Vergabe der Oscars die besten DVD-Veröffentlichungen des vergangenen Jahres aus. Wie zu erwarten war, ist der große Gewinner des Jahres 2007 die 5-Disc Collector's Edition von Blade Runner: This is one of the very best DVDs produced since the inception of the format, heißt es in der Begründung. Gelobt werden darüber hinaus unter anderem 20th Century Fox, Buena Vista und (mit Abstrichen) Criterion für ihr vorbildliches Engagement in punkto Filmrestauration und die Unterstützung des Blu-ray-Formats. Paramount hingegen wird gerügt. - Wer genau wissen will, welche Releases für den besten Ton, das beste Bild und den besten Audiokommentar ausgezeichnet wurden, folgt einfach diesem Link!

Mein persönlicher Favorit aus dem Jahr 2007 ist leider nicht mit einer Ehrung bedacht worden. Dafür ist die lang erwartete Hamlet 2-Disc Special Edition in ihrer Aufmachung sicherlich nicht spektakulär genug. Dennoch war dies jene DVD, über die ich mich am meisten freute, weil seit Jahren für deren Veröffentlichung (insbesondere im Internet) leidenschaftlich gekämpft worden war. 2007 konnten die Früchte dieses Einsatzes schließlich geerntet werden.